Sociohistorical project
Harald aus Deutschland
Mike und Michel, Mülheim
18 und 22 Jahre alt
Könnt ihr euch bitte einmal vorstellen. Name, Alter, Beruf und vielleicht eure sexuelle Orientierung.

Mike: Ich bin Mike!

Ich bin momentan 18 Jahre alt, bin momentan Auszubildender, wohne momentan in Mülheim an der Ruhr, und ich zu meiner sexueller Orientierung, ich bin pansexuell.

Michel: Ich bin der Michel.

Ich bin in der Schwebe, was meine Ausbildung anbetrifft. Mir fehlt nur noch die Prüfung, und ich warte jetzt da drauf, dass ich die Rückmeldung bezüglich eines Prüfungstermin bekomme.
Ich bin 22, werde dieses Jahr auch nicht älter, so wie Mike.
Sonst, ich bin schwul.

Ihr seid zusammen hab ich recht?

Mike&Michel synchron: ja

Seit wann? Also ungefähr wie lange schon?

Mike: natürlich wissen wir das genaue Datum.

Michel: Der 5.4.2019

Mike: ja der 5.4.

Und zusammen leben tut ihr seid Februar?

Michel: Ja

Und warum habt ihr euch entschieden zusammen zu ziehen?

Michel: Es war so! Ich hatte ja ne schwere Zeit. Letztes Jahr, ich war ja auch in der Psychiatrie, hat sich dann alles herauskristallisiert, dass das durchs DRK kam
Das alles schwerer wurde und meine Stadt einfach toxisch für mich ist.
Und dann haben wir uns dazu entschlossen, dass ich zu ihm zieh. Wir wollten. Du [an Mike gerichtet] hast es ja schon länger gewünscht.

Mike: Ich hab mir gedacht, dass wir dann vielleicht die Stadt gemeinsam entdecken können. Weil ich ja selber erst vor nem Jahr als ich die Ausbildung begonnen habe komplett neu ins Ruhrgebiet gezogen bin. Hier in Mülheim an der Ruhr

Woher kommt ihr denn ursprünglich?

Mike: Er [antwortet für Michel] kommt aus dem Siegerland, er ist gebürtige Siegener. Ich komme aus dem Niederrhein. Ich bin in Mönchengladbach geboren und bin dann 14 Jahre in einem kleinen Örtchen namens Willich aufgewachsen und danach noch ein paar Jährchen in Meerbusch

Bei Düsseldorf?

Mike: Ja. Alles bei Düsseldorf.

Wie war der familiäre Hintergrund?
Den geografischen wissen wir ja schon, du [Michel] aufgewachsen im Siegerland.

Michel: ja ich war immer nur im Siegerland, aber da in jedem Örtchen.

Die größte Zeit natürlich in Geiswald. Das sagt einem natürlich jetzt gar nichts, Geiswald das so der verruchte Ort. Da war ich die meiste Zeit.
Dadurch habe ich mir auch so eine Schutzschicht angeeignet.

Mike: Tatsächlich, bei mir waren das nicht nur insgesamt diese 3 Städte [in Mönchengladbach geboren, in Willich aufgewachsen und die Jugend in Meerbusch verbracht]. Sondern bin eben auch für eine kurze Zeit, meine Mutter war beinahe obdachlos, von Ort zu Ort, von Wohnung zu Wohnung gezogen. Ich habe dann zwischendurch beispielsweise mal in Düsseldorf gewohnt.
Wie war euer familiärer Hintergrund beim Aufwachsen? Wie seid ihr aufgewachsen? Behütetes Elternhaus? Ihr habt ja schon gesagt, dass ihr oft umgezogen seid ?

Mike: Ich war das zweite Kind von meinem Vater. Mein Vater war damals 16 Jahre alt, als er seinen zweiten Sohn bekommen hat. Das bin ich.
Meine Mutter war damals 14 Jahre alt.
Ja ist ein bisschen kritisch. Ich bin die meiste Zeit tatsächlich bei meinen Großeltern aufgewachsen.
Aber das war auch nicht so ganz meine leibliche Oma. Meine leibliche Oma war Alkoholikerin, die ist dann gestorben, als ich dann fünf Jahre alt wurde.
Leider hat meine Mutter ein bisschen mitgeholfen, dass sie gestorben ist, weil die für sie den Alkohol gekauft hat.
Das war ein bisschen blöd, denn die Beziehung zwischen meinem Opa und meiner leiblichen Oma war sowieso ein bisschen schwierig. Die Liebe war nicht immer vorhanden und das war einfach alles sehr viel Stress. Meine Mutter hat ihren Schulabschluss nicht auf einer normalen Schule gemacht, war ein Problemkind, hat man vielleicht gemerkt, weil sie dann plötzlich mit 14 ein Kind bekommten hat.
Wir wurden oft rausgeschmissen von meinen Großeltern mütterlicherseits.
Mein Vater, kannte ich erst nach acht Jahren persönlich, davor wusste ich nicht, dass ich noch einen Vater habe, der hat sich auch nicht gemeldet und sich nicht für mich interessiert.
Naja meine Oma mütterlicherseits ist ja gestorben an Alkohol und dann sind wir plötzlich rausgeschmissen worden, weil mein Opa eine neuen Lebensgefährtin hatte. Meine Mutter kam überhaupt nicht mit ihr klar und wir wurden vor die Tür gesetzt.
Es war dann ein bisschen schwierig.
Meine Mutter hat sich fast nicht gekümmert um mich in dieser Zeit. In dieser Zeit war ich auch schon im Kindergarten selber auffällig. Ich konnte nicht so gut sprechen und nicht so formulieren, wie anderen Kindern im Schulalter.
Bin auf ne Sprachförderschule später gegangen und später dann auch ab der sechsten Klasse auf eine normale Schule. Meine Mutter hat sich dann entschieden als ich sieben Jahre alt war nach Argentinien zu fliegen, weil die lieber was mit Pferden unternehmen wollte als ihr eigenes Kind zu erziehen.
Die hat mich dann auf den Rastplatz liegengelassen bzw. sie hatten eine Mietwagen geholt, alles andere verkauft. Hat mich dann auf dem Rastplatz rausgelassen, mir schnell ein Telefon in die Hand gedrücken. Und ist dann weggefahren bzw. nach Argentinien geflohen. Geflohen ist wirklich der beste Ausdruck.
Ich bin dann zu meinen Großeltern gekommen und das war ehrlich gesagt das beste.
Bin depressiv geworden deswegen, weil meine Mutter mich ja verlassen hat. Bin in der Klapse 1[Psychiatrie] gewesen.
Wie willst du auch anders damit umgehen.
Ich wurde früher in der Schule gemobbt, weil ich sehr auffällig war dann.
Das war halt ein bisschen schwierig. Später hat sich glücklicherweise meine Stiefoma für mich eingesetzt und sie war für mich eine Zeit lang die Mutter. Und hat mich nie, wirklich nie, im Leben verlassen.
Bis zum 14. Lebensjahr.
Ich bin dann ja ab der 6.Klasse auf eine normale Schule gegangen, Ich war eigentlich guter Schüler und bin dann später zum Glück auf einer Gesamtschule die mich unterstützt hat.
Und ich hatte ein gutes Leben.
Bis ich eben 14 Jahre war. Mit 13 Jahren gab es die Erkrankung bei meiner Stiefoma beziehungsweise meiner Mutter, was sie [die Stiefoma] dann auch für mich war, bei ihr wurde Lungenkrebs diagnostiziert. Sie meinte dass sie insgesamt noch fünf Jahre zu leben hatte, das waren aber nur elf Monate, und sie wusste es selber von Ärzten, mir hatte sie das falsche erzählt. Ich habe dann gleichzeitig nochmal den Boden unter den Füßen weg gezogen bekommen.
In dieser Zeit, im Unterricht, im Deutschunterricht, zwei Tage nach dem Tod meiner Oma, hatten wir ein Buch gelesen. Das Buch heißt Malka Mai In diesem Buch geht es beispielsweise darum, dass im Nationalismus in Polen ein jüdisches Mädchen, seine Mutter verliert und später will sie ihre Mutter nicht mehr zurück weil die Mutter sie verlassen hat und nicht bei ihr geblieben ist.
Zwei Tagen, nachdem meine Oma verstorben war fragte meine Deutschlehrerin uns "wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr nicht mehr eure Mutter habt.
Ja das war für mich insgesamt wie ein Schuss ins Gesicht. Wie die Pistole und bin raus gerannt.
Eine Woche später, nachdem natürlich ich alles erzählt habe, weil ich auch nicht mehr konnte bzw. wollte. Hat meine Pflegemutter, also meine jetzige Pflegemutter, also meine Ex Deutschlehrerin mich gefragt, ob ich gerne da wohnen möchte und so bin ich zu denen gekommen
Dann bin ich vom 14ten bis zum 17ten Lebensjahr halt dort aufgewachsen, übrigens, das war noch in der siebten Klasse, als das alles passiert ist. In der siebten Klasse, dann bin ich die restliche Zeit bis zur 10.Klasse bei meinen Pflege Eltern aufgewachsen. Und joa das war eigentlich recht gut dort.
Und ich bin ziemlich stolz, weil ich dann mit 17 ausgezogen bin und seitdem eine eigene Wohnung habe.
Und jetzt stehe ich selbst auf eigenen Beinen und mache jetzt meine schöne Ausbildung.

Cool! Danke… Ganz schön krass..

Mike: ja, es ist halt nicht so einfach. mir wurden schon ein paar Steine in den Weg gelegt. Und das kann ich schon erwähnen, weil ich schon starke Depressionen hatte, schon zweimal beinahe von der Brücke gesprungen bin,
Einmal als ich nicht verstehen konnte, warum meine Mutter mich verlassen und danach als meine wirklich, meine Mutter, also meine Stiefoma, [Stiefoma war wie Mutter] dann verstorben ist.
Als ich dann später zu einer Psychotherapeutin kam, hat die mich in der ersten Stunde in den Arm genommen und hat angefangen zu weinen.

Krass…. Das ist ein ganz schön krasser Start ins Leben

Mike: Ja, das stimmt. Man hätte es einfacher haben können…. So Michi [Spitznamen von Michel]
Hattest du es einfacher Michel?

Michel: Ich würde gerne ja sagen aber es ist leider nicht so. Ich glaube das trifft sich ziemlich aufs gleiche. Ich hab nicht so einschneidende verstorben, sagen wir so.
Natürlich gab es bei mir in der Kindheit auch Leute, die gestorben sind, unter anderem auch mein Vater. Aber Ich hatte nie so die Bindung zu den Menschen, die verstorben sind. Es gab eine Person, die ist verstorben. Die kannte ich anderthalb Jahre bis ich zwei war aber es war nicht schlimmer.
Aber um anzufangen:
Aufgewachsen, die ersten vier Jahre, bin ich bei meinem Vater und meiner Mutter und meiner Schwester. Im kleinen Örtchen Eisern nennt sich das super kleiner Ort. Mein Vater war Arzt, Allgemeinmediziner, meine Mutter war ehemalige Maler und Lackiererin, aber hat sich dann auch weitergebildet, war Arzthelferin bei meinem Vater und war eben so mit Frau Doktor und Herr Doktor.
Obwohl er keinen Doktortitel hatte. Aber so wurden sie immer genannt, und es war ein kleines, schönes Haus, direkt mit der Praxis untendrin. Eine mittlere Wohnung, wo eine ältere Frau lebte und wir eben den Rest des Hauses.
Ja, die ersten vier Jahre hat das gut geklappt. Ich rede jetzt ein bisschen durcheinander.
Ich kann mich an meine ganze Kindheit nicht erinnern.
Ich kann nur aus Erzählungen von meiner Mutter reden. Ich habe das einfach alles verdrängt. Ich kann mich tatsächlich wie Amnesie nicht an Sachen erinnern.
Es gibt ein Foto an das ich erinnern kann, wo ich mit meinem Vater mit 4 Jahren Schach gespielt habe und es war ein Glasschachspiel. Und das ist eine schöne Erinnerung und ich weiß nicht wieso, aber ich verbinde schöne Gefühle damit einfach.
Ja, auf jeden Fall waren es die ersten vier Jahre und dann eines Tages, war ich im Kindergarten. Meine Mutter kam mit dem älteren Kombi an, der randvoll gepackt war, und hat uns abgeholt.
Mich, meine Schwester, meine Schwester saß schon im Auto, soweit ich weiß. Und ich wurde dann abgeholt, und es wurde uns gesagt, dass wir jetzt wo anders hinziehen. Und ja.
Und dann war das erste Frauenhaus, dann haben wir im Frauenhaus gelebt.
Und sind von Frauenhaus zu Frauenhaus gezogen. Wir sind immer wieder umgezogen.
Wie sich später herausstellte, lag das einfach dadran, dass mein Vater Borderline in der schlimmsten Art und Weise hatte, die es gab, hat seine Medikamente nicht genommen. Meine Mutter wusste nichts davon, dass er Borderline hatte.
Das hat die Familie meines Vaters ihr verheimlicht. Obwohl die Familie das schon seit Jahrzehnten wusste.
Ja, hätte meine Mutter das gewusst hätte die die Tabletten untergemischt. Sie hatte ja auch Zugang zu den Tabletten gehabt.
Aber so hat das halt nicht funktioniert. Und es kam zu verschiedenen Konfliktsituationen der zu der abrupten Trennung führten oder zu der Flucht vor meinem Vater. Der hat uns halt verfolgte mit dem Spruch, dass entweder ich krieg die Kinder oder keiner von uns beiden kriegt die Kinder. Es war eine klare Morddrohungen gegen uns als Kinder. Deswegen sind wir von Frauenhaus gezogen. In einem Frauenhaus war schließlich meine spätere Stiefmutter, die mit ihrem Sohn aus den USA kam. Haben sich kennengelernt und schnell lieben gelernt, und wir sind dann alle als Patchwork Family sehr schnell zusammengezogen. Ich kannte die Frau nicht, und wir sind wirklich, ich glaube, nach ein paar Wochen sind wir zusammengezogen.
Man musste halt damit klarkommen, man hatte auf einmal Geschwister, zusätzliche, und ne Stiefmutter und damit muss man erstmal klarkommen Von jetzt auf gleich. und generell der Vater ist weg. Und ja.
Ja, das gibt ja noch zu erzählen, dass war halt in der frühen Kindheit.
Wir sind dann zusammengezogen. Die erste Wohnung, ganz kleines Haus, super kleine Wohnung, Zimmer wurden geteilt.
Und man muss dazu sagen meine Stiefgeschwister, die zu dem Zeitpunkt da waren, hatten es auch nicht leicht. Aber sie waren auch nicht leicht zu nehmen. Es war deutlich schwerer für meine Schwester natürlich, die Erwachsener war und das alles auf eine andere Art und Weise wahrgenommen hat als ich, die natürlich auch ihre Probleme hatte und dies natürlich auch rausgelassen hatte.
Als Kind kann man das nicht anders als rauslassen, Man kann das nicht runterschlucken und ignorieren. Und das musste meine Mutter alles händeln und selber mit der Situation klarkommen und gleichzeitig noch eine neue Partnerin. Und da dann aber trotzdem Stärke finden.
Super kleine Wohnung aber es war immer das Beste.
Meine Mutter hat immer für alles gesorgt, wir hatten nie viel Geld. Aber egal, was ich oder meine Mutter, ich oder meine Schwester oder wir wollten es wurde immer in einer Art und Weise ermöglicht, egal wie. Es wurde immer ermöglicht.
Es gab auch Zeiten, da sind wir zur Tafel gegangen. Es gab Zeiten, da waren die Kleider eben halt nicht die Neuen, sondern die gebrauchten. Aber es war halt immer meine Mutter da und hat für uns gesorgt. Im engen Kontakt mit dem Jugendamt natürlich. Das muss man dazu sagen. Mein Vater war auch gefürchtet vom Jugendamt, generell gefürchtet von allen. Mein Vater war kein leichter Mensch, ein super Arzt, ein super Mediziner. Als Mediziner war er wirklich gut, aber als Mensch war er wirklich sehr schwer zu nehmen.
Ein lustiges Beispiel. Es gab eine Elternsitzung beim Kindergarten. Mein Vater hatte irgendwas nicht gepasst, und er ist mit einem Baseballschläger da hingegangen.
Hat dann einfach mal mit dem Baseballschläger auf den Stuhl geschlagen und hat gesagt So, jetzt hört ihr mir mal zu. Und das spiegelt so mein Vater wider.
Oder ein weiteres Beispiel Mein Vater hat sich unten in der Rezeption vom Jugendamt angekündigt. Die haben tatsächlich Schraubenzieher in der Schublade gehabt und haben ihre Namensschilder abgeschraubt.
Das war mein Vater, aber auf der anderen Seite war er ein lieber, netter Vater, fürsorglich, aber auf der anderen Seite auch ein Arschloch. Es war einfach Boardline, es war einfach pures Borderline bei ihm. Wir sind halt immer geflohen. Es war immer von Haus zu Haus. Wir sind umgezogen, so oft es ging. Weil er halt auch irgendwann die Adresse herausgefunden hat. Und dann musste man halt weiterziehen und weiter flüchten.
Und man muss dazu sagen wir sind ja nicht weit weggezogen. Es gab einfach kein Geld, es gab kein Geld, um weiter wegzuziehen. Dass wir zum Beispiel nach Norden ziehen, zu der Familie von meiner Mutter, das Geld gab es nicht. Deswegen war es nur möglich, in die nähere Ortschaft zu ziehen.
Und da sich zu verstecken, ist schon schwer.
Und dann kennen uns natürlich auch Patienten oder so, wenn die uns sehen. Das ist halt immer ein Spiel gewesen. Dann kam es dazu, dass wir ihn nach Geiswald gezogen sind. Der kleine Ort, von dem ich erzählt habe, das verruchte Viertel von Siegen.
Ja, super schönes Haus!
Es war nicht schön, sondern es war groß.
Man konnte sich komplett ausleben, und da hat uns als Familie ausgemacht, irgendwie, dass man immer das machen konnte, was man wollte, dass man die Freiheit genießen konnte.
Und 2006 kam es dann dazu. Eines Abends kam ich aus meinem Zimmer, in der ersten Etage, kam ich nach unten.
Kam ich zur Treppe, weil ich irgendwie Geheule und Geschrei hörte. Und bin dann zur Treppe gegangen und habe meine Schwester nur noch heulend und schreiend die Treppe hoch rennen sehen, wie sie ihr Zimmer gegangen ist, und sah mein Patenonkel, der sowas für mich wie mein Vater war, und meine Mutter.
Und die sagten dann zu mir Setz dich mal hin, und sie standen unten, und ich stand oben und erzählt mir dann, dass mein Vater gestorben ist, wie sich später herausstellte, sich selbst umgebracht hat.
Mit seinem eigenen Luftgewehr. Und dann war das für mich doch eine schwere Zeit.
Es war doch schon schwer. Ich wusste die Umstände nicht, wie er gestorben ist oder sonstiges.
Dann kam noch hinzu, dass mein Vater einen Vertrag unterschrieben hat, dass er seinen Körper der Wissenschaft spendet. Somit gab es auch keine Beerdigung. Es gab nur ein Trauer Fest. Jetzt liegt eine leere Urne vergraben neben, Ich weiß nicht wem, irgendjemand aus meiner Familie ein Doppelgrab. Da liegt er begraben, liegt seine leere Urne begraben. Er ist jetzt bei Körperwelten. Doch tatsächlich er hat sich Körperwelten gespendet. Wenn ich nach Körperwelten, nach Berlin oder sonst wo gehe. Kann es sein, dass ich Teile von meinem Vater sehe.
Steht da der Name von den Leuten?

Ne.
Die Trauerfeier war sehr traurig.
Meine Schwester, musste man dazu sagen. Meine Schwester war viel stärker betroffen von der ganzen Situation.
Die Schwester war das typische Vater Kind, und ich war das Mutter Kind, und meine Schwester war immer stärker betroffen, hat auch immer mehr die Schuld gesucht bei irgendjemandem. Die Schuld ist einfach das Borderline gewesen, und meine Schwester, glaub ich, konnte das einfach nie akzeptieren und hat dann immer die Schuld bei meiner Mutter gesucht.
Und das hat sich dann halt auch im aufwachsen gezeigt. Das meine Mutter dann halt immer unbeliebter wurde bei meiner Schwester
Ja, auf jeden Fall wir sind dann aufgewachsen, alle zusammen in dem Haus in Geiswald. Da habe ich glaube ich acht Jahre gelebt. Es gab schöne Zeiten, schlechte Zeiten und verwirrende Zeiten. Ich war erst in der Schule, in einer normalen Grundschule, wurde da von der Lehrerin gemobbt.
Tatsächlich gab es da eine schöne Anekdote. Ich war ein paar Tage, nachdem mein Vater gestorben ist, heulend auf dem Schulhof, und sie kam zu mir und sagte "Es ist doch nur so ein Vater gestorben. Sei jetzt mal leise."
Und das war so ein Beispiel Sie hat mich auch immer angeschrien, und dann bin ich eines Tages einfach, als sie mich angeschrien hat - meine Mutter hatte mir vorher gesagt, wenn sie mich noch einmal anschreit" Geh einfach, geh nach Hause". Und das habe ich dann gemacht. Und keiner hat die Polizei gerufen, dass ich nicht da war, dass ich einfach gegangen bin. Meine Mutter wusste von nichts. Ich bin nach Hause gegangen, habe meine Mutter angerufen, mit dem Telefon einer Freundin.
Da ist sie dann mit mir zur Schule gefahren, da kann auch die Polizei, weil Verletzung der Aufsichtspflicht und somit war ich auch nicht mehr auf dieser Schule. Das war dann der Schnitt. Und dann bin ich auf eine Waldorfschule gekommen. Muss ich sagen: Beste Entscheidung meiner Mutter, dass sie auf die Idee kam, mich auf keine normale Schule zu stecken, und dass es überhaupt eine gab. Auch dass uns die Möglichkeit überhaupt gegeben wurde, auch als sozial schwierige Familie auf eine Privatschule zu kommen.
Es war die beste Art und Weise. Die Schule hatte auch ihre Ecken, Kanten.
Aber für mich als kreativer Mensch, der ich schon immer war, war das einfach die beste Schule, die man finden konnte.
Und da hab ich dann auch Freunde gefunden, unter anderem meinem besten Freund, den ich jetzt immer noch habe, Max.
Ja, den würde ich auch nicht missen wollen und die Schule hat mir viel gegeben, wenig genommen. Ich hatte natürlich auch Reibereien mit Lehrern. Ich weiß nicht. Ich hatte immer Probleme mit erwachsenen Menschen, eher als mit Schüler.
Mit Schülern hatte ich weniger Probleme als mit den Erwachsenen. Aus irgendeinem Grund. Es gab in jedem Schuljahr ein Lehrer, mit dem ich mich nicht verstanden habe.
Aber es war trotzdem eine gute Zeit.
Mit meiner Stiefmutter, um da wieder zurückzukommen, habe ich mich nicht immer gut verstanden. Es gab sehr viele Reibereien.
Mittlerweile verstehe ich mich sehr gut.
Was man auch noch erwähnen sollte: Sie war vorher nicht lesbisch, genauso wie meine Mutter. Genauso wenig, wie sie bi waren. Sie war in Amerika zehn Jahre lang, hat da Kinder gekriegt, konnte nur eins mit nach Deutschland zurücknehmen.
Also Entschuldigung, sie hat in Deutschland ein Kind gekriegt vorher, ist dann nach Amerika gegangen, konnte das Kind nicht mitnehmen, hat da [in Amerika] zwei Kinder gekriegt, konnte aus Amerika nur ein Kind mitnehmen.
Hat das Kind zur Adoption freigegeben, das was in Deutschland war, Weil sie das nicht mitnehmen konnte.
Somit hatte sie ein Kind mit in die Beziehung gebracht am Anfang. - Den David.
Später kam dann in der Zeit immer mehr der Kontakt zu dem Kind in Amerika auf. Wir hatten auch den Kontakt versucht mit dem Kind in Deutschland, Aber das hat einfach überhaupt nicht funktioniert. Das war passte nicht vorne nicht hinten. Es waren einfach zu große Reibereien und zu große Probleme.
Es hat einfach nicht mehr gepasst. Jeder ist seiner Wege gegangen oder geht seine Wege weiter.
Auf jeden Fall kam immer mehr Kontakt zu dem Sohn in Amerika, der da weiterhin lebte. Und der ist dann schlussendlich nach Deutschland gekommen. Und es ist jetzt halt unter der Erziehung von meiner Stiefmutter und meiner Mutter.

Wie alt ist der?

Der ist tatsächlich vier Monate älter hat sich. Ich bin der jüngste aus allen…
Ja, so sind wir halt aufgewachsen. Ein großer Bestandteil bei uns war der Freundeskreis. Das war tatsächlich bei uns ein großer Bestandteil in der Familie. Es gab immer einen Freundeskreis, der feste war. Und der sich auch weniger veränderte.
Und dass alle miteinander quasi mit einander abgestimmt haben, so Kommunen mäßig. Es war tatsächlich so eine Art Kommune. Wenn einer ein Problem hatte, haben alle dafür gesorgt, dass dieses Problem behoben wurde.
Meine Mutter war so der Mittelpunkt, würde ich sagen, quasi. Sie war die Mutter der Kommune, um zu beschreiben Meine Mutter ist eine sehr hilfsbedürftige Person.
Eher gesagt, sie ist sehr viel. So wollte ich das ausdrücken, hilfsbereit, genau, eine sehr hilfsbereite Person, wenn nicht sogar. Man kann ihr sogar hinterher sagen, dass sie das Helfersyndrom hat. Aber mittlerweile hat sie sie unter Kontrolle. Aber sie war wirklich, sie hat jedem geholfen.
Wir hatten auch in der Zeit in der Bergstraße, hatten mir auch inoffizielle Pflegekinder. Tatsächlich
Es werden immer Fälle, die meine Schwester angebracht hat, quasi oder mein Bruder. Die haben dann halt Freunde mitgebracht, die zuhause ein sehr schwieriges soziales Umfeld haben. Und dann haben sie halt mal ein halbes Jahr, ein dreiviertel Jahr bei uns gewohnt. Das war immer offiziell mit den Jugendamt abgeklärt. Meine Mutter hat dann halt kein Geld dafür bekommen.
Aber die Kinder hatten ein Zuhause, und das war meiner Mutter das Wichtigste, ein Zuhause zu bieten. Meine Mutter hat es geschafft, für alle zu sorgen, ohne Geld zu kriegen.
Und meine Mutter war ja selber nicht Arbeitstätig. Meine Stiefmutter hatte einen Hundesalon, der auch nicht so gut lief. Er lief mittelmäßig, es war nie groß das Geld da, aber es hatte immer jeder das, was er brauchte.
Leben deine Mutter und Ihre Frau/Freundin noch zusammen?

Michel: Ja

Sind Sie verheiratet?

Michel: Ja die sind verheiratet.

Mike: eingetrage Lebenspartnerschaft

Michel: Ja, eingetragene Lebenspartnerschaft.

Wann haben die geheiratet bzw. Sind die Lebenspartnerschaft eingegangen.

Michel:Oh Gott wann war das 2008 oder so..
Ich weiß nicht genau, wann es war. Da müsste ich jetzt... Ich kann mich nur an die Feier erinnern. Die Feier war schön.
Einer hat einer Gitarre gespielt, und es wirkte so improvisiert, aber gleichzeitig perfekt. Er hat sich das gar nicht vorgestellt.
Es hatte so einen industriellen style. Wir haben in einem Bürohaus gewohnt von einer Lager Fabrik. Die Fabrik war direkt nebenan, und da gab es ein Gelände, da haben wir gefeiert, das hatte so einen industriellen Stil.
Das wirkte einfach so richtig gut.

Und jetzt haben sie vor zu heiraten?

Michel: Genau das wird wahrscheinlich zum nächsten Jubiläum passieren. Ja das dauert noch ein bisschen.
Für mich ist Petra meine Mutter. Ich sage auch Mama.
Ich sage zu ihr, meiner Stiefmutter, zwar eher Petra, aber auch ab und zu Mama. Ich fühle beide als meine Mutter.
Das war für mich auch irgendwann einfach immer normaler, weil ich bin ja schließlich mit fünf Jahren quasi damit groß geworden. Und jetzt ist es einfach komplett normal. In der Schule war das " wie Du hast zwei Mütter. Hä, das geht?" und dann man hat das erklärt. Natürlich geht da. Ja, es ist voll cool. Also was Negatives, habe ich nie erfahren. Es gab natürlich in der oe Problem. Ich finde, es gehörte zum Aufwachsen dazu, gemobbt zu werden, um stärker zu werden.
Also alles, was Negatives für mich kam, hat mich im Endeffekt nur gestärkt. Und ja.

Jetzt bist du der der du bist?


Ja, genau, jetzt bin ich der der ich bin.
Ich habe das Interesse an Medizin nie verloren. Ich wollte eigentlich immer Notarzt werden, hatte aber keine Energie, das Abitur zu machen. Und jetzt habe ich die Ausbildung zum Notfallsanitäter. Werde die auch abschließen, jetzt endlich! Und dann habe ich mein Ziel erreicht. Die ersten Ziele meines Lebens des jüngere Lebens sind erfüllt. Das, obwohl der Start recht schwer war und das, was ich jetzt erzählt habe, as ist nur ein kleiner Bruchteil.
Ja, es gab immer Probleme und es gab auch nicht immer schöne Zeit mit meiner Mutter.
Ich habe - die Pubertät hat bei mir ziemlich rein geschlagen, und so kam es halt auf, wenn man so an meine Vergangenheit denkt. Und dann kommt die Pubertät das hat eine totale Katastrophe in mir ausgelöst. Ich bin dann zum Kinder und Jugend Therapeuten gegangen und war in behandlungen mit der maximale Anzahl an Stunden, die man haben konnte, auch mit extremer Verlängerung und allem Möglichen. Zweieinhalb Jahre ist das Maximum, was man kriegen kann. Und danach kam Gruppentherapie. Aber das kam für mich nie infrage.
Und dann bin ich schlussendlich mit 16 ausgezogen in eine eigene Wohnung bei einem Familien Freund wie aus der Kommune halt, hab ich ja schon beschrieben.
Der hatte ein Haus, da war unten eine ganz kleine Wohnung frei, ein Zimmer, Küche, Bad, das Badezimmer zwei Quadratmeter groß, wenn überhaupt. Aber die 2 Zimmer, die Küche und das Schlafzimmer waren Ausreichend groß. Komplett sanierungsbedürftig. Und es kam - da muss ich weiter ausholen. Der Familienfreundliches auch so eine Art Vater für mich. Ich hatte viele Vaterfiguren, wo ich mir dann immer die männliche, eine männliche Stimme, es muss bei der Erziehung immer sein, irgendwas in der Richtung sein. Die Klischees werden jetzt natürlich erfüllt. Wenn eine Mutter das auch rüber bringen kann [die Väter Rolle], ist das natürlich kein Problem.
Aber es gibt immer Sachen, die ein Mann halt einem Jungen besser erklären kann. Da hatte ich halt die Bezugsperson, zwei Bezugspersonen - einmal meinen Patenonkel und dann eben den Familienfreund Gerhard.
Und der hatte eine neue Bekanntschaft.
Mit der sich darauf verlobt hat, habe ich mich super verstanden. Es war für mich auch in der Art Mutter geworden. Ich schließe generell, sehr schnell Menschen in mein Herz, und verbinde sie dann auch.
Und diese Person ist dann urplötzlich ins Koma gekommen, durch einen Schlaganfall, urplötzlich aus dem Nichts. Keiner wusste es, und keiner hat es geahnt. Oder es gab irgendwelche Anzeichen oder Sonstiges. Einfach ein massiver Schlaganfall und dann ins Koma gekommen und. Ja, es gab dann auch Situationen zum Beispiel Ich bin dann immer ins Krankenhaus gegangen, auf Intensivstation, und ich bin ins Krankenhaus gegangen, hab ihr dann die letzten Worte gesagt. Ich war alleine mit ihrem Zimmer, hab ihr Meine letzten Worte gesagt und dann verabschiedet. Am nächsten Tag wollte ich wieder sie besuchen. Und da haben Sie die Familie dann dazu entschlossen, die Maschine abzustellen. Keine hatte mir das erzählt und ich saß da bestimmt 5 Stunden und habe gewartet und irgendwann kam dann der Anruf "du komm mal nach Hause, wir müssen dir da was erzählen" und da war es eigentlich auch schon rum. Dann gab es die Beerdigung und der Gerhard war maximal fertig. Es war ne große Liebe für ihn wenn nicht die größte, wobei ich will nicht die größte sagen. Er hatte schließlich auch Frau und seine Kinder, und die Frau hatte er ja viel länger gehabt.
Aber es hat ihn sehr stark mitgenommen, und dann bin ich eben halt zu ihm in seine Wohnung gezogen, in dem Haus, das er hatte, und habe ihm Alltagssituation geholfen. Ich habe zusammen mit ihm gekocht, habe mich um Telefonrechnungen gekümmert, dass da irgendwas nicht stimmte, und hab da angerufen et cetera.
Wir haben einfach zusammengelebt, haben uns gegenseitig unterstützt, und dann war halt die Wohnung frei geworden, und dann hab ich die halt in der Zeit saniert. Und dann war das meine erste eigene Wohnung, und ich bin ausgekommen mit weniger als Hartz IV, also ungefähr die Hälfte, Monatlich. Meine Mutter hat mich massiv unterstützen. Aber es war halt immer schwer und dann die Schule.
Dann habe ich den Rettungshelfer noch gemacht. Ich war ehrenamtlich in DRK. Ich war überall aktiv, hab überall was gemacht und musste noch neben der Schule und dem DRK bin ich putzen gegangen.
Bei einer Familie, eher bei einem Paar aus dem Bekanntenkreis, das eine eigene Firma hatte. Und da bin ich putzen gegangen, um meine Nachhilfe zu finanzieren, damit meine Noten halt gut sind.
Und ja.
Das war eben halt alles so im großen Ganzen.
Ich habe mich immer weiter hochgearbeitet.
Ich war dann stellvertretender Leiter, mit 18, bin Grad 18 geworden.
Das war schon vor meinem 18. Lebensjahr klar, dass ich es werde.
War Sehr aktive im DRK habe sehr viel gemacht, sehr viel organisiert. Was mich aber am Ende kaputt gemacht hat. Und dann kam die Ausbildung dazu, und dann kam meine Krankheit dazu. Ich habe Fibromyalgie, und das läuft bei mir einen Schub artiger Form ab, und ich hatte einen massiven Schub und konnte kein Glas Wasser mehr halten oder sonstiges und hatte Angst um meine Ausbildung und mein Dasein. Da bin ich dann von allen meinen ämtern zurückgetreten, und so ging die Spirale immer weiter rückwärts, sodass ich halt in die Klinik kam, und da wurde ich komplett wieder aufgebaut. Jetzt gehe ich alles in Ruhe und nochmal neu an. Das war so die Geschichte meines Lebens.
Und natürlich muss man dazu sagen ihn hab ich hier kennengelernt, er hat mir auch mehrfach das Leben gerettet.

Mike: Wie mehrfach?

Michel: Ja, mehrfach
Und jetzt seit Februar zusammen lebt ihr hier?

Michel: Genau

Und baut euch eure Zukunft auf?

Michel: Genau

Habt ihr einen groben Plan, wie eure Zukunft verlaufen wird?
Drei Kinder und fünf Katzen?

Mike: Erstmal gucken.
Natürlich, wir haben nicht das größte Budget, das wir damit erst einmal klar kommen. Das ich mich um meine Ausbildung kümmer und dass du dich um deine Gesundheit kümmerst und dann mal deine Arbeit und dann deine Prüfung und dann können wir noch lange überlegen.

Michel: Ich bin derjenige, der sagt zum Beispiel verloben kann man sich ja jetzt schon, und heiraten muss man dann später. So einer bin ich

Mike: und Ich sage erst mal bleib mit den Füßen auf dem Boden, heb bitte noch nicht ab.

Michel: Er ist die Realität in der Beziehung und ich bin der, der träumen möchte.

Mike: du bist der Träumer nicht der der träumen möchte.

Michel: aber tatsächlich: Kinder möchte ich auf jeden Fall irgendwann. Das steht für mich fest.

Mike: Ich aber keine Adoptivkinder, sondern Pflegekinder.

Michel: ja genau wir möchten Pflegekinder. Also keine - Ich weiß gar nicht, wie man das nennt - Also mit einer Frau zusammen ein Kind kriegen?

Mike: Nee, sowas wird Leih Mutterschaft genannt.

Michel: Das möchte ich auf keinen Fall, weil es für mich dann immer…

Mike: es ist deren Kind.

Michel: [wiederholt] es ist deren Kind und ein Kind von uns. Es ist immer… Es fehlt für mich…. Also entweder beide haben den gleichen Bezug oder… Also wenn einer einen unterschiedlichen Bezug zu dem Kind hat, finde ich das schwierig.
Deswegen lieber die Kinder, die Hilfe brauchen, denen kann man Hilfe geben, und dann können es auch unsere Kinder werden. Es muss ja nicht…. Ich muss ja nicht…. Man muss ja nicht das Kind vom Baby an kennen. Das ist mir völlig gleich. Ich möchte einfach einem Kind ein Zuhause bieten können.
Und das ist eben halt mein Wunsch, dass ich ein Kind aufziehen und dem zeige, wie das Leben funktioniert und in dieser schweren Welt die ersten Schritte zeigen.
Und das wäre mein Wunsch für die Zukunft.

Mike: glaube, wenn zehn Jahre vorbei sind, dann kann man darüber sprechen.

Michel: Jetzt erstmal einfach in Ruhe Geld verdienen, in Ruhe alle seine Schritte planen. So weit kommen, und vielleicht noch später studieren oder sonstiges. Erst mal in Ruhe sich selber ausleben und dann sagen" So, jetzt hab ich Erfahrung fürs Leben, ein wenig, nicht wie jeder andere, aber ein wenig. Und jetzt traue ich mir zu, einem Kind zu erklären, wie die Welt zu funktionieren hat."

Wenn ihr jetzt mal so auf euer Leben zurückschaut und dann in Betracht auf die Situation von LGBT in Deutschland. Wie hast du das empfunden? Habt ihr immer irgendwie leben können, wie ihr gelebt habt? vom gesellschaftlichen Kontext her oder euch irgendwie von der Gesellschaft nicht akzeptiert gefühlt?

Mike: Das war bei mir ein bisschen schwierig insgesamt.
Natürlich wird die Heteronormativität vorgelebt, von seinen Eltern, Großeltern.
Ich war tatsächlich auch schon recht früh dran.
Mit 13, ne Mit 15 hatte ich meine erste Freundin und ich habe erst gedacht, ich wäre wie jeder andere in der Klasse. Man hat sich echt nicht so viele Gedanken darüber gemacht über wie man ist und.
Ich hatte ja eine Freundin und das hat gut funktioniert; hat damit zu tun, sie war halt nicht so wie manch andere, sondern insgesamt hat sich so verhalten. Wie würde ich das heute sagen.. ? Ja wie ein Junge.
Das gefiel mir schon. Ja, das ist nicht so gut gelaufen, wir hatten aber trotzdem eine schöne Zeit gehabt.
Ich hatte tatsächlich Bezug zu Jungs, manchmal bzw. Ich weiß nicht, das war so halb und halb. Irgendwie habe ich eine Verbindung gefühlt, hab mich irgendwie verliebt und habe Interesse an Jungs gehabt. Das erste Mal, als ich irgendwie so beispielsweise Body Transformation auf YouTube nachgeschaut habe. Ich dann irgendwie Jungs mit dem Oberkörper doch schon ein bisschen attraktiv fand. Ja, ich mag es aber heute überhaupt nicht mehr.
Das somit Six Pack oder Übertrainiert, so überhaupt nicht.
Ja, ich habe erst lange gedacht, dass ich eigentlich an sich halt nicht auf Jung stehe und nicht auf Mädchen stehe und irgendwie das alles abnormal fand.
Und dann habe ich erst gedacht, ich wäre asexuell oder so etwas in diese Richtung. Weil ich nur Liebe empfunden habe und nichts anderes.
Beispielsweise wenn ich mit den Jungs geredet habe - natürlich in der Pubertät - , dann kamen die an so "geile Titten" oder "boah guck mal den Arsch an, würdest du dir nicht vorstellen, wie du die richtig durchnudelst?"
Und ich habe mir gedacht eher nein. Irgendwie gab's dann ein oder zwei schwule Jungs bei mir in der Schule?
Und plötzlich war es
"Hat er nicht ein geilen Arsch, ein geiles Gesicht, willst du denn nicht mit dem knutschen ? Ich möchte Mal gucken, wie der Oberkörper frei aussieht."
Das hat mir auch nicht zugesagt. Beides nicht. Da fühlte ich mich irgendwie überall falsch. Es war ein bisschen schwierig, Ehrlich gesagt. Ich wollte mich ehrlich gesagt… das outen An sich fand ich überflüssig und fand es für mich nicht gut. Hab das dann später erst durch eine Freundin, Ex-Freundin, eine Klassenkameradin, die ich kennengelernt habe, zufällig auf einer Ausbildungsmesse kennengelernt habe, gemerkt.
Die hatte gesagt dass sie pansexuell ist.
Und dann hab ich so geguckt und ich hab dann in dieser sexuellen Orientierung meine sexuelle Orientierung gefunden. Das Wichtige dabei ist, Meine Klasse war hinterhältig und ich glaube, wie in fast allen Klassen, so ne richtige Inzest Klasse. und ich war natürlich nicht der beliebteste Junge auf der ganzen Schule.
Natürlich Lehrerkind plötzlich geworden, und dann von einem Moment auf den anderen keine Freude mehr gehabt auf der Schule, obwohl ich davor 5 hatte, auch die wollten mit mir nichts zu tun habe. Sehr sozial. [Ironie]
Auf jeden Fall kam es dazu, dass ich meine sexuelle Orientierung in der Schule, weil es da ein bisschen kritisch war, weil es sehr viele Schimpfwörter gab und ich mich wirklich schon in manchen Situation diskriminiert gefühlt habe, das einfach nicht leben wollte.
Es gab eine Person in der Schule, die ich gesehen habe, die hat sich geoutet, und hat noch einen härteren Schritt gehabt. Ich wollte mir das ersparen.
Der Erlös kam, als ich meinen Schulabschluss gemacht habe.
Ja, und das war das Größte und das Beste, was mir geschehen ist. Die Lehrer, die waren alle super sozial. Aber die Schüler mit den konnte überhaupt nicht.
Ich sag mal so, die hatten nur ihr eigenes Dorf namens Willich im Kopf. So im weitesten Sinne. Wenn man denen die Erde erklären würde, hinter Düsseldorf wäre der Abgrund, und dahinter ist das schwarze Nichts. Für sie gäbe es kein Mülheim [die Stadt in der Mike und Michel jetzt wohnen] beispielsweise. Die haben nicht so weit gedacht wie manch andere Leute, haben sich auch nicht für Sachen interessiert. Ich konnte wirklich mich mit diesen Leuten einfach nicht…. Irgendwie Schwierig… auskommen.
Als wir sind schon miteinander ausgekommen, aber ich habe mit denen keine Verbindung mehr.
Michel, wie war dein internes Coming out?

Michel: Mein Coming out war sehr lustig im Endeffekt.
Ich lese nie Bücher, wirklich nie Bücher, Fachbücher sind das Maximum und das auch nur wenn ich lernen muss.
Es gab aber ein Buch - ich bin der Shopping Meister, ich stöbere gerne auf Amazon oder sonstigem - und da habe ich ein Buch entdeckt. Love, Simon
Und da war mein Interesse geweckt.
Ich war sehr unsicher. Ich war für mich sehr unsicher, über Jahre hinweg. Es ging Ewigkeiten gefühlt, wirklich Ewigkeiten. Man hat sich immer eingeredet "es ist ne Phase… Es ist nur eine Phase.. das ist nicht so lange, und das hält nur an… das wird nur die Jugend sein… das ist die Pubertät." Was weiß ich nicht. Man hat sich das immer so eingeredet.
Und dann gab es dieses Buch halt. Das habe ich mir dann bestellt. Und ich habe es wirklich innerhalb von 24 Stunden durchgelesen. Ich habe es durchgesuchtet.
Und in diesen 24 Stunden hatte ich noch ein 12 Stunden Schicht [in der Arbeit]. Natürlich konnte ich das nicht auf meine Arbeit mitnehmen, weil da wäre es ja aufgefallen. Da sagt man das nicht. Zeigt man das nicht. Und ich hatte nichts zum Covern von dem Buch.
Es hätte jeder nachgefragt "Was ist das für ein Buch?" oder die hätten den Klappentext lesen wollen. Man hatte total schiss.
Auf jeden Fall habe ich dieses Buch durchgesuchtet.
Und dann war für mich klar.
Es ist vorbei. Du bist es… es ist einfach so. Ich wollte nie diesem Klischee nachgeben.
Es gibt ja einfach dieses Klischee: zwei lesbische Eltern, die müssen schwule Kinder haben. Das geht doch gar nicht anders. Und diesem Klischee wollte ich nie nachgeben. Aber nach diesem Buch war für mich einfach klar 'Du bist es'. Weil ich es so faszinierend gelesen habe. Ich war hin und weg.

Wie alt warst du als du das gelesen hast?

Michel: 20. Es war tatsächlich ein sehr spätes Coming out.
Und wie gesagt, es hat sehr lange gedauert.
Und erst habe ich mir Strähnchen gefärbt und nur für mich, weil ich da Lust drauf hatte. Und dann habe ich gesagt 'Okay, ich werde mich zuerst bei meinem besten Freund outen.'
Aber ich habe mich nicht getraut, ihm das zu sagen. Ihm in die Augen zu gucken und ihm das zu sagen. Obwohl ich zu hundert Prozent wusste, dass es für ihn kein Problem ist, Zu 300 %, sonst wie viel Prozent, wusste ich es ist für ihn kein Problem, aber ich habe es mich einfach nicht getraut. Da war ich zu feige für. Und dann habe ich gesagt: Okay, dann schreibe ich ein Brief, und ich habe diesen Brief über mehrere Wochen geschrieben. Ich habe ihm eine Art Tagebuch geschrieben. Ich habe jeden Tag da reingeschrieben, und ich war zwischenzeitlich… Ich war ja noch am Arbeiten alles. Und dann bin ich mitten in der Nacht nach der Schicht um 23 Uhr, einfach voller Gedanken, einfach nach Frankfurt gefahren.
Und war mitten in Frankfurt und wusste nicht, was ich da mache, weil ich einfach nur in Gedanken war, was das coming out angeht. Es war völlig verrückt, und das ging dann so weiter. Dann habe ich mich in Frankfurt hingesetzt und am Handy weitergeschrieben, diesen Brief. Und hab ihn dann immer so weiter geschrieben. Ich habe Ihnen dann auch lustigerweise immer, wenn ich in anderen Städten war weiter geschrieben. Es kam häufiger vor. Ich habe ihm [dem besten Freund] einen Standort geschickt und das dann im Brief erwähnte 'jetzt hast du einen Standort von mir erhalten.'
Und dann war der Brief nach 18 Seiten endlich fertig (am Computer) geschrieben. Ich habe mir noch ein schönes Briefpapier bestellt. Ich habe mir ein Siegel erstellen lassen und alles. Ich habe das richtig aufwendig gemacht, weil ich wollte, dass dieser Brief perfekt werden. Ich wollte einfach, dass dieser Brief perfekt wird.
Hab ihn auch noch mehrfach Korrektur gelesen und alles Mögliche. Ja, und dann hab ich ihn irgendwann einfach abgeschickt. Und dann war es bei mir völlig vorbei.
Ich stand dann vor dem Briefkasten und habe den Brief eingeworfen und dann habe ich gedacht 'Scheiße, was hast du gemacht?' Ich war völlig fertig mit den Nerven. Ich war auch nicht mehr zu irgendwas fähig. Und dann ist der Brief bei ihm angekommen. Und er hat einfach nur kurz und knapp gesagt "Es ist gar kein Problem. Für mich ist das kein Problem."
Und das war für mich einfach der Beweis: Das hat funktioniert. Dann habe ich das der restlichen Freundesgruppe erzählt irgendwann.
Es giben auch wieder ein paar Wochen drauf. Und dann war ich eines Abends in meiner Wohnung und habe meinen besten Freund geschrieben 'Ich bin völlig fertig.
Ich muss es jetzt eigentlich anderen Leuten erzählen. Ich kann das nicht mehr aushalten'. Dann sagte er zu mir. 'Machs einfach.' Dann habe ich es gemacht, dann bin ich zu meiner Mutter gefahren.
Meine Mutter war natürlich nicht zu Hause. Es war jeder andere Zuhause es waren Freunde aus der Familie da und mein Stiefbruder und was weiß ich und meine Stiefmutter. Aber meine Mutter war nicht da, die war noch einkaufen. Und ich habe meiner Mutter geschrieben 'komm nach Hause, komm bitte nach Hause', und dann war meine Mutter da, und es war einfach nicht die richtige Stimmung, um das zu sagen. Und irgendwann, als alle am reden waren, habe ich meiner Mutter gesagt 'Ich muss dir etwas sagen'.
"Und ich bin schwul" und auf einmal Totenstille im ganzen Raum… obwohl ich mir zu 100 Prozent sicher war, dass jeder miteinander geredet hat.
Und dann "ist da kein Problem. Ist doch völlig in Ordnung." Das Lustige war Ich habe mich vor zwei lesbischen Päarchen outet. Ja, aber ich habe es als Problem gesehen.
Ich bin, was das Outing angeht, und das Aufwachsen völlig behütet aufgewachsen, und habe mir trotzdem ein so großes Drama gemacht, was nicht nötig war.

Mike: Bei meinem Coming out da war ich… naja ich glaube ich war tatsächlich offen. Bzw. Ich habs angedeutet.
Am wichtigen war für mich dass ich es erstmal meinen Pflegeeltern erzählt habe.
Ich habe es nur der Familie und dann meinen besten Freunden erzählt. Und dann meinem Opa.
Zu meinen Pflegeeltern habe ich gesagt "Ja, ich glaube, ich glaube, ich bin nicht so ganz hetero" dann meinten die nur "wie bist du schwul? Bist du bi". Dann habe ich gesagt "Nee, ich fühle mich beides nicht. Ich bin pansexuell" und dann kam nur "was ist das denn" und dann waren die richtig interessiert, haben mich danach gefragt was das ist. Ich kann mich gar nicht nicht mehr daran erinnern, wie das Gespräch zustande kam.
Aber es war überhaupt Problem.
Bei meinem Opa war das so..
Er hat dann zum Glück noch eine große Liebe gefunden.
Und ich habe dann mal am Frühstückstisch Andeutungen gemacht, was Rechte gegen Schwule anbelangt.
Das ist ziemlich schwierig aber auch ein bisschen witzig insgesamt, denn die jetzige Frau von meinem Opa, die hat sich von deren Mann geschieden. der Mann hat sich später, nach 15 Jahren Ehe sich als schwul geoutet.
Ja, das war Gespräch war dann ein bisschen kritisch. Und dann habe ich gesagt "Ja, der wusste das aber schon an sich" Und so. Weil es überhaupt nicht einfach ist bei ihm früher gab es ja noch die Zeit wo man das nicht durfte. Er war selber Polizist.
Stereotypen mäßig, bist du Polizei und Schwul wirst du gemobbt oder direkt abgeknallt.
Das ist ziemlich hart und auch nicht einfach. Überhaupt nicht. Und dann habe ich das dann noch so hinbekommen das Ihnen zu erklären.
Und zum Rest meiner Familie habe ich einfach dann später, als ich mit Michel zusammen gekommen bin, ihn vorgestellt, und habe gesagt "Ja, mein Partner!"
Manche haben mich doof angeguckt.
Aber ich habe mir gedacht wozu Coming out, ist doch ganz egal.oder muss ich mich jetzt auch als hetero outen?
Warum gibt es immer diese hetero Normalität? Warum muss man sich outen? Immer sagen ja übrigens dies und die.
Das hat doch eigentlich keinen zu interessieren. Hauptsache man ist selber glücklich.
Und so vom den Leuten "oohh der ist Schwul" das bringt ja sowieso nichts.
Ich finde und es war meine Entscheidung. Ich finde, ein Coming out muss nicht unbedingt sein, wenn man sich dabei vielleicht später besser fühlt in Ordnung. Aber wenn man das Gefühl hat, man muss sich outen, aber man will es gar nicht, da muss man sich auch nicht outen, bzw. man kann es auch so machen dass es gar nicht so im Mittelpunkt gestellt wird.
Wie beispielsweise bei einer Weihnachtsfeiertag einfach mit seinen festen Freund anzukommen.
Hast du das gemacht ?

Mike: Ja.

Michel: aber dann steht man natürlich im Mittelpunkt so ein bisschen.

Mike: Ja, ich sag mal so… Ich fand das ehrlich gesagt… ich habe das halt.
Insgesamt glaube ich, das war ein bisschen angenehmer, weil wir dann halt zu 60 war. Und wenn jemand etwas negatives gesagt hätte, das hätte schon sein können - halt eine richtige Bauernfamilie - Ich glaube, man hätte diese Person blöd angeschaut. Besonders die älteren. Und man hätte ein ernstes Wort geredet. Entweder man hätte die ganze Familie gespalten.
Also dass sie nicht so freundlich gewesen wären. Sondern dass ich die ganze Familie gespalten hätte.
Aber ist ja nicht so weit gekommen.
Zu Meinem Glück väterlicherseits bin ich in einer toleranten Familie aufgewachsen. Mütterlicherseits, mein Opa, wo ich ja eine Zeitlang aufgewachsen bin, war die Situation ein bisschen schwieriger, aber es hat funktioniert.

Michel:Wir haben zu allen ein gutes Verhältnis.

Mike: Das war ein bisschen schwierig so, dass sie das irgendwann checken, als ich gesagt habe ja ich kommen mit einem Freund. Übrigens, ich bin mit dem in einer Partnerschaft. Das ist nicht nur ein cooler Kumpel.

Hat der Auszug aus eurem Elternhaus, an eurem Umgang mit eurer Sexualität etwas geändert? Gut du Michel warst ja schon ausgezogen, bevor du dich geoutet hast?
Aber du Mike hast ja noch daheim gelebt als du dich geoutet hast?

Mike: Ja.

Gab es da noch eine Veränderung, dass ihr irgendwie auf einmal mehr 'ihr' wart, oder so?

Mike: Ich hatte viel zu tun mit der Schule. Ich habe ja da noch bei Pflegeeltern gewohnt, als ich mich geoutet habe.
Ich habe das auch so offen gelebt. Und das ist ja wichtig, dass man irgendwo neu ankommt, dass man sich wohlfühlt und dass man das, wenn man möchte, dass es überhaupt erzählen kann, die Wahrheit und so. Das ist dann auch wichtig wenn man neu ankommt…

Michel: Es war ja schon meine zweite Wohnung. Während ich mich geoutet habe, und es war gar nichts besonders. Man muss dazu sagen, dass die Wohnung tatsächlich bei mir auf der Arbeit war. Ich habe ja im Rettungsdienst gearbeitet. Und ich habe über der Wache gewohnt.
Wenn ich rausgehen wollte, musste ich durch die Rettungswache.
Es gab die erste Zeit…. Ich habe mein Outing sehr groß gemacht, ich habe es auf allen Social-Media-Plattform gleichzeitig gemacht, mit einem Bild und einer Unterschrift. Und überall das Gleiche gepostet.
Ich wollte einfach diesen Flurfunk beenden. Ich wollte dass dieser gar nicht stattfindet. "hast du gehört der ist schwul" und sowas. Das wollte ich nicht. Ich wollte es einfach selber Aussagen. An jeden! Das habe ich dann eben gemacht. Dann gab es halt verschiedene Gespräche.
Der Auszug hat mir einen Rückzugsort geboten. Das war ja generell schon immer so. Das hat mir ein Ort geboten, wo ich einfach von diesen ganzen Gesprächen Abstand nehmen konnte.
"Du bist schwul? Ah wie ist das denn so?"
Die ganzen Fragen. Du wurdest immer ausgefragt, immer das Thema..
Und die Wohnung hat mir… also der Auszug hat mir einfach die Freiheit geboten und auch der Abstand von der Mutter, die einen bemuttern möchte. Und ja, der Auszug hat mir Stärke gegeben.

Habt ihr euren Beruf im Hinblick auf eure sexueller Identität gewählt oder hatte eure sexuelle Orientierung irgendwie eine Auswirkung auf eure Berufswahl?

Mike: Überhaupt nicht. Wie gesagt, ich bin momentan in der Ausbildung zum Chemielaborant. Ich möchte dann auch den Chemietechniker machen.
Überhaupt nicht. Ich glaube, die Chemiebranche hat überhaupt nichts mit schwul sein zu tun.
Insgesamt ja eher so, Rettungsanitätsdienst mäßig und dann auch Richtung Soziales, Richtung Medizin, Krankenpflege. Aber bei mir hatte das überhaupt keinen Einfluss.. Nee, ich habe meine Interessen gehabt, die waren Ausschlag gebend.
Ich habe insgesamt eine ganz normale Gesamtschule. Mein erstes Wahlpflichtfach war Naturwissenschaften, dann Chemie und Physik und Mathematik.
Gleichzeitig war natürlich meine Deutschlehrerin bei meiner Schule die Beratungslehrer.
Dann hat sie gesagt "Deine Noten sehen so aus, als würdest du naturwissenschaftlichen- technischen Bereich was machen können. Und das hat sich dann bei mir so ergeben.
Und dann habe ich mich tatsächlich so informiert über Ausbildungsberufe. Ich habe dann beispielsweise auch noch einmal Praktikas gemacht, im ganz naturwissenschaftlich technischen Beruf, im kaufmännischen Beruf und Habe dann den Beruf im Labor kennengelernt.
Und hab mich dafür entschieden, weil es am schönsten bzw. für mich irgendwie am interessantesten aussah.
Manch andere würden sagen "uhm trocken". Aber für mich ist das wirklich so. Ich glaube, ich habe wirklich alles richtig gemacht. Vielleicht nach 20, 30 Jahren mach ich dann einen Kiosk auf oder was ganz anderes. Ich mache das, was ich gerne möchte. Vielleicht mach ich auch eine Bar auf, eine kleine schwulen Bar. Aber meinen jetzigen Beruf habe ich nur nach mejne Interesse gewählt.
Und glücklicherweise, Obwohl ich nur den Realschulabschluss habe, bin ich angenommen worden ist. Ich bin der einzige mit Realschulabschluss im meinen Max-Planck Institut.

Hat deine Sexualität Auswirkungen auf deine Berufswahl Michel?

Michel: ehrlich gesagt überhaupt nicht - In der ersten Zeit. Ich habe mich ja erst in der Ausbildung selber geoutet. Wenn man so will. Ich wusste, dass alle meine Kollegen tolerant sind, alle. Ich habe auch noch nie von irgendjemandem etwas Negatives gehört. Aber man war das Gesprächsthema Nummer eins. Und das hat auch irgendwann echt gestört.
Man muss halt den Rettungsdienst auch damit leben, dass dann halt Sprüche fallen.
Und das mag woanders noch schlimmer sein. Aber im Rettungsdienst ist das auch schon schlimm. Und das Lustigste war an der ganzen Geschichte.
Es gab einen Tag, bevor ich mich geoutet habe, hatte ich mit grad Strähnen gefärbt und da gab es Sprüche.
Von wegen " mit sowas kannst du mir Schwulenbar aufmachen" Und was weiß ich nicht. "Lass die Seife besser nicht fallen" und so, es gab solche Sprüche. Und am nächsten Tag war ich geoutet und dann kamen sie an und waren alle kleinlaut und habe sich entschuldigt, dass das so gar nicht gemeint war.
Aber ich habe dann auch nicht mit denen so verständlich, dass die ihre Sprüche gern weiter machen. Ich möchte ihnen nichts verbieten mit meinem Outing und meiner Sexualität. Ich finde es natürlich nicht toll, dass man Schwuchtel als Beleidigung nimmt. Aber ich musste damit leben.
Ich war Auszubildender. Es ging nicht anders. Ich konnte mich nicht behaupten, weil ich war nicht im Betriebsrat oder Sonstiges. Da ist man lieber kleinlaut. Bei meinem outing habe ich tatsächlich gar nicht an meinen Beruf gedacht, das war überhaupt nicht ein Problem, weil ich wusste, dass alle Tolerant sind.

Mike bist du geoutet auf deiner Arbeit?

Mike: Ja

Was haben deine Kollegen gesagt. War das für die ein Problem oder überhaupt nicht?

Mike: Nö, überhaupt nicht. Ist halt ein ganz normales Thema. Man spricht halt nicht so darüber. Ich finde das nicht so schlimm, ehrlich gesagt. Das sollte eigentlich auch nicht so ein großes Thema sein, weil das ja auch etwas ganz Normales ist. Ein Teil des Privatlebens.
Ja, natürlich, Ich habe es gesagt, aber es war kein Thema dort.

Gibt es gesellschaftliche, politische Meilensteine oder sowas die in eurer persönliche Entwicklung bezüglich eurer Homosexualität bzw. Pansexualität eine Auswirkung hatten?

Mike: Ich habe es richtig gefeiert an dem Tag, als der Bundestag beschlossen hat, dass
die Ehe für alle beschlossen wird, also das beschlossen ist, dass es kommen wird. Ich habe es richtig gefeiert, So richtig gefeiert, obwohl ich noch gar nicht wusste, dass ich nicht hetero bin. Gerade an diesem Tag [Beschluss der Ehe für alle] in einer heterosexuelle Beziehung war und dann auch wirklich an den Tag sogar mit dieser Person zusammengekommen bin. Das war bisschen komisch, aber insgesamt? - Ich hab's trotzdem gefeiert.
Manchmal fand ich andere Leute dann halt interessant, weil die sich dann selber geoutet haben, ich habe nicht irgendwie gesagt "voll schwul alter", sondern ich hatte diese Leute unterstützen, habe gesagt "wow Respekt, dass du dich so äußerst und keine Angst hast."

Michel: Bei mir gabs halt auch die Ehe für alle. Es war mein Meilenstein. Es war das Erste, was ich wirklich mitbekommen habe so in der Richtung. Aber es war eine Sache für meine Mutter. Das die halt jetzt auch die Ehe kriegt. In der Zeit war ich mir selber noch sehr unsicher. Habe nicht darüber nachgedacht, dass ich jemals in eine gleichgeschlechtliche Ehe komme, und habe mich gefreut, für meine Mutter, dass das möglich ist.
Fühlt ihr, in der Zeit eures Lebens, dass sich der Umgang mit Homosexualität, der Umgang der Gesellschaft mit Homosexualität/ mit LGBT* Personen geändert hat? Findet ihr, dass sich bis jetzt noch nicht so viel geändert hat? Oder ist die letzten Jahre alles besser geworden ist?

Michel: Es gibt sehr viele offene Menschen, tolerante Menschen. Es gibt aber auch andere Menschen, die nicht so tolerant sind und sagen "Was ist das für ein Scheiß?".
Beispielsweise wenn man sich die rechten Gruppierungen ansieht, hat man halt die Angst, Das es so wie früher werden kann, dass man Rückschritte macht statt Fortschritte.
Ich möchte nicht daran denken. Besonders, weil früher ja im Nationalismus hier in Deutschland die Nazis Homosexuelle vergaßt haben.
Heute ist es immer noch, dass zwar Homosexualität nicht mehr als Krankheit mehr gesehen wird, zum Glück, aber das es noch Therapien gibt. Und das finde ich, das geht überhaupt nicht.
Diskriminierung habe ich tatsächlich - obwohl es natürlich offener ist als früher, früher war es sogar eine Straftat. Wir können uns heute nicht so wirklich beschweren, die älteren
Schwule, Lesben, Transsexuelle, Transsexuelle die können sagen "Das ist aber kleinvieh, was du jetzt erzählst."

Mike: Aber wenn wir dann zusammen durch die Stadt gehen in und hören "oh blöde Schwuchtel" oder so. Dann denke ich mir der hat nicht den Schuss mehr gehört.
Also, wir leben doch nicht in den Dreißigern.
Das haben wir öfters schon gehört, dass es nicht nur einmal passiert, also Diskriminierung haben wir tatsächlich noch in der Gesellschaft. Und das ist nicht akzeptabel.

Michel: Ich glaube, es ist einfach auch ne Bildungssache. Also für mich ist es eine Bildungssache, das Aufgeklärt werden muss, Es ist einfach so.
Es muss verständlich den Leuten, die Probleme damit haben, denen muss das verständlich untergebracht werden, dass sie das auf ihrer Ebene verstehen. Auf welcher Ebene auch immer das sein mag, dass sie das nachvollziehen können und verstehen.
Weil ich glaube, dass es einfach eine Verständniss Sache ist, sie es einfach nicht verstehen oder verstehen wollen. Aber. Ja, ich kann da eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Es ist einfach… Es fehlt noch so viel.
Wir haben ja auch davon gehört, wie die Zustände woanders sind. Das schockiert tatsächlich. Da kommt man sich hier vor wie in einem behüteten Cocoon. Und Trotzdem wird man auch hier [in Deutschland] bleiben. Da will ich gar nicht wissen, wie es woanders ist.

Mike: Aber man muss sich zugestehen, manche anderen Länder sind viel fortschrittlicher als wir.

Michel: Ja, das ist halt die Frage, wo, woran das liegt.
Das müsste man mal herausfinden. Das wurde wahrscheinlich schon herausgefunden. Ich weiß es nicht. Ich bin tatsächlich eher jemand, der wenig informiert ist, was sowas angeht. Obwohl es mich betrifft. Aber ich bin tatsächlich wenig informiert.

Habt ihr einen Tipp für queere Jugendliche oder irgendwas was ihr ihnen mit auf den Weg geben wollt?

Michel: Meiner ist tatsächlich ein persönlicher: Sofern es möglich ist, oute dich so schnell wie möglich; Sofern es möglich ist, wenn es nicht möglich ist, dann bleibt dir wenigstens selbst treu.

Mike: Jetzt komme ich mit meinem Spruch und das ist das komplette Gegenteil, ich habe eine andere Meinung dazu. Du bist ein Mensch, wie du so bist. Du muss sich nicht irgendwie im Mittelpunkt stellen bzw. muss es eigentlich keinem erzählen.

Michel: Ja, das stimmt auch. Da schließe ich mich auch an.

Mike: Das sollte eigentlich keinen anderen Mensch interessieren, was du magst und was du liebst, was du bist. Du bist du, Du solltest dein Leben nehmen, so wie du das willst.

Michel: steh zu dir selbst.

Mike: ja genau, steh zu dir selbst. Und wenn es in der Schule ist. Und wenn du coole Kollegen hast in der Schule (oder in der Grundschule? Wahrscheinlich weiß man das da noch nicht.) Und in der weiterführenden Schule ist halt ein bisschen kritisch. Ich habe es damals nicht gemacht. Aber es kommt immer auf die Situation selber an zu sagen Du bist du. Du musst dich nicht hervorheben. Du muss eigentlich gar nichts sagen, weil deinen Privatleben nur dir gehört, Bzw. du kannst es mit Leuten teilen. Aber es gilt:
Wie DU das willst und nicht anders!

Vielen Dank!




Hannah Wiendl wurde interviewt
Oktober 2020