Sociohistorical project
Kevin aus Deutschland
Kevin, Berlin
39 Jahre alt
Okay, alles klar, die Aufnahme läuft. Könntest du als allererstes vorstellen? Name, Alter, Beruf und auch sexuelle Orientierung.

Was? Sowas willst du wissen? (Gelächter)

(Gelächter) Genau, ich möchte alles von dir wissen.

Alles willst du wissen …. Ich bin der Kevin, ich bin noch 39 Jahre jung, ich bin Facharzt für Allgemeinmedizin, und ich bin schwul … Schon immer.

Verstehe. Würdest du kurz deinen familiären und geografischen Hintergrund beschreiben? Das Elternhaus, die Religion, den Herkunftsort deines Heranwachsens.

Ich komme aus einem kleinen Städtchen in Sachsen-Anhalt, das nennt sich Aken. Als ich Kind war, waren da so zirka 12 000 Einwohner, jetzt sind es nur noch 8000. Ich bin in einem wohlbehüteten Elternhaus mit einem Bruder aufgewachsen, der drei Jahre älter ist als ich. Meine Eltern sind nach wie vor meine Eltern, die sind auch weiterhin verheiratet. Da gab es noch nie Stress. Das war alles immer sehr familiär und glücklich.

Spielte Religion eine Rolle in deiner Familie?

Achso … Nein. Ich komme ja aus dem Osten. Ich bin da 1980 geboren und der Osten war ja nicht so religiös. Das war ja vom System so gewollt. Und daher meine Eltern sind nicht religiös, und ich wurde auch nie getauft und hab auch überhaupt quasi keinen Bezug zur Kirche.

Würdest du kurz die gesellschaftliche Situation von LSBT+ Menschen in dem zeitlichen Kontext deines Heranwachsen beschreiben?

Man merkt ja irgendwann, dass man eher auf Männer steht als auf Frauen. Ich glaube, das fing bei mir so irgendwann mit 13, 14 an, da kannst du dich nicht dran erinnern, da bist du zu jung. Aber da gabs auch Sat.1 immer so Schmuddel-Sex-Filmchen. Da habe ich mich immer geärgert, dass nur die nackten Frauen zu sehen waren und nicht die Männer. Das waren so die ersten Punkte, wo ich heute, wenn ich drüber nachdenke, denke Ja, irgendwie war da schon was. Da hat mich der Mann eher interessiert. Aber das hat lange gedauert, bis ich irgendwie das für mich eingesehen hab. Dann weiß ich, dass bei mir zwei Jahre zuvor über mir einer schwul war, und der wurde in der Schule immer gelästert über den und ich hab da dann brav mitgemacht, wie man das so macht, um sich zu schützen, würde ich heute alles anders tun. War damals halt so. War ja Mitte der 90er. Dann hab ich auch mit 16 erst noch eine Freundin gehabt, weil man musste ja in der Pubertät eine Freundin haben. Und irgendwann mit 19, da hat sie sich dann von mir getrennt. Sex war nie großes Thema. Sie wollte nicht und mich hat es nicht gestört. Und als sie sich dann von mir getrennt hat, dann hab ich irgendwie angefangen, so mal … das war ja auf dem Dorf damals schwierig. Es gab kein WhatsApp, es gab kein Snapchat. Es gab kein Insta (Instagram), es gab gerade mal so Handys, wo man SMS mit 160 Zeichen schreiben konnte, und das erste Handy, das hab ich halt erst mit 18, 19 gekriegt. Und dann fing ich halt an, so mal Kontaktanzeigen zu lesen und da mal zu schreiben. Und dann habe ich einen Trottel von Mann aus heutiger Sicht kennengelernt. Aber in den ich mich verliebt habe damals, wie das so ist, wenn das der erste Mann ist. Und dann ging das so los ….
Hast du gerade von deinem jetzigen Ehemann gesprochen, den aus der Anzeige?

Nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein, mein jetziger Ehemann, war doch nicht mein erster Partner. Ich hab damals bereits einen Typen kennengelernt, in den ich mich damals verschossen hab, aber der hat mich von vorne bis hinten verarscht. Das habe ich dann relativ schnell gemerkt, aber am Anfang wollte ich das natürlich nicht wahrhaben.

Alles klar, nur damit wir das kurz klarstellen, wer genau was in deinem Leben angerichtet hat.

(Gelächter) Ja genau, nein, um Gottes Willen. (Gelächter)

Genau, nochmal zurück zu deiner Kindheit: Wie verlief Ihr persönlicher Realisationsprozess hinsichtlich Ihrer Sexualität, also dein internes Coming Out? Es gibt ja quasi das externe Coming-Out, also bei Familie, Freunden und das interne Coming out, also vor sich selbst?

Ja, das kann man, glaube ich, gar nicht richtig beschreiben. Mir war, glaube ich, schon relativ schnell bewusst, dass mich Männerkörper mehr interessieren als Frauenkörper. Aber ich hab das. Ich hab das erfolgreich verdrängt, so bis zu meinem achtzehnten Geburtstag. Irgendwie so, ich hab ja meine Freundin auch gemocht, aber ich habe sie halt gemocht.

Es gab also keinen quasi inneren Konflikt oder eine bestimmte Angst?

Naja das hat sich entwickelt. Den gab es dann schon. Also, solange ich mit meiner Freundin zusammen war, war das so im Hintergrund. Also, wenn ich irgendwie geil war, habe ich mich schon eher auf Männer konzentrieren als auf Frauen. Aber das war im Hintergrund. Erst als die Trennung da war und ich quasi ein freies Spiel hatte, weil ich war ja eine treue Seele. Ich hab gemerkt, irgendwie, dass ne ich will, ich will doch lieber einen Mann, das war schon ein Konflikt für mich, weil ichs ja nicht so wirklich sagen konnte und wollte.
Und wie verlief dann dein externes Coming out? Dein Coming Out vor Familie und Freunden?

Ja, das war dann halt als ich, als ich den ersten Freund hatte. Man will sich nicht immer heimlich irgendwie mit dem treffen und verstecken. Und dann hab ich … den ersten Schritt, den ich begangen hab, war mit meiner besten Freundin aus der Kindergartenzeit … zu sagen: Hey, Lass uns mal treffen, ich muss dir etwas erzählen. Und mit dir habe ich mich zusammen gesetzt und ihr das erzählt. Für sie war das überhaupt kein Problem. Für sie war das völlig okay. Bis heute sind wir engste Freunde. Die hat mich, glaube ich, ermutigt, das meinen Eltern zu sagen und dann habe ich, so nebenbei, meinen Eltern erzählt oder meiner Mutter, meiner Mutter eher als meinem Vater. Und das war dann die Hölle auf Erden damals. Mama hat gefühlte drei Monate jeden Tag geheult, wenn sie mich gesehen hat und mein Papa hatte nicht mehr mit mir gesprochen

Was war das für eine Zeit? Hast du zur Zeit deines externen Coming Outs gearbeitet oder studiert?

Da habe ich gerade Zivildienst gemacht, da war ich im Pflegeheim und es war kurz bevor ich von zu Hause ausgezogen bin, weil ich zur Ausbildung nach Darmstadt musste.

Stellte der Auszug aus deinem Elternhaus einen Einschnitt in deiner persönlichen Entwicklung dar, bezogen auf deine Homosexualität? Wenn ja, inwiefern?

Der Auszug, der stand ja fest, das war unabhängig von diesem Coming out, also das ich nach Darmstadt ging, um eine Ausbildung zu machen, das stand fest. Aber es hat mir geholfen. Es hat mir unheimlich geholfen, weil ich halt Distanz zu meinem, zu meinem dörflichen Umfeld bekommen habe. Inzwischen hatte ich dann auch meinen zweiten Freund. Wie gesagt, ich wusste ja, dass der Erste mich verarscht hat und der zweite war, dann auch mein Alter und das war ein ganz sympathischer und lieber, den meine Eltern dann auch einmal kennengelernt haben. Und der kam auch aus Berlin. Und da habe ich mir dann so ein Aufklärungsbuch für Eltern hier in Berlin gekauft. Ich habe das meiner Mama auf den Tisch gelegt und hab dann gesagt: Entweder liest du es oder du lässt es. Und dann war der Tag da, wo ich nach Darmstadt gezogen bin. Und dann gab es auch bei meinen Eltern ein Umdenken. Also meine Mutter hat das Buch gelesen. Das hat ihr unglaublich geholfen zu verstehen, das Buch hieß: „Warum gerade mein Kind?". Und das half zu verstehen, was da eigentlich los ist, und dass ich jetzt nicht der Typ bin, der jetzt Aids hat, der auf den Strich geht, der Drogen nimmt und total abstürzt, sondern dass ich nichts dafür kann, dass ich ein Mann liebe. Und das hat dann auch mein Papa verstanden. Und dann hat sich das wieder so angenähert, und wir haben uns enorm entwickelt. Und das familiäre Verhältnis ist besser denn je. Was von Anfang an gut war auf dem Dorf noch meine Oma, die 82 jährige Oma, die war von Anfang an: "Ist doch egal, mein Junge. Bring deinen Freund mit, ich mache euch was zu essen." (Gelächter)
(Gelächter) Okay, das ist ja spannend. Das hat dann sofort funktioniert mit deiner Oma. Bei deiner Mutter dauerte es etwas …

Ja, das war ein Schockmoment, man war halt eben geschockt.

Und wie genau lief das mit deinem Vater? Hat das etwas länger gebraucht als mit der Mutter?

Naja, Mutti hat ihn bearbeitet. Die hat gesagt: Hey, das ist dein Kind und blablabla. Und dann hat er sich so … Mein Papa war nie ein Typ, der über Gefühle oder sowas gesprochen hat oder spricht. Das macht er jetzt. Das hat sich echt gewandelt. Der ist jetzt deutlich emotionaler. Also er war immer lieber Papa und gekuschelt und gedrückt und gespielt immer, aber er hat nie irgendwie so Gefühle ausgedrückt. Das kann er jetzt viel besser als damals.

Denkst du, das hat eventuell auch was mit deinem Outing zu tun.

Ne, das ist eher so die Altersmilde oder die Alterssensibilität sag ich mal so.

Hatte deine sexuelle Orientierung eine Auswirkung auf die Wahl deines Studiums oder deines Berufs?

Nein, nein hatte keinen. Also ich wollte ja ursprünglich auch mal Lehrer werden. (Gelächter) Das hab ich dann irgendwann verworfen. Die Ausbildung hab ich eigentlich gemacht, weil ich nach dem Abi nicht wusste, was ich machen will und das war ja Laborarbeit quasi. Und in der Zeit ist der Gedanke gereift, dass mir das nicht reicht und dass ich irgendwas mit Menschen machen. Das war mir schon immer klar. Und dann ist der Gedanke weil Labor, diese ganze Anatomie und Biochemie, was ich alles gelernt habe, das fand ich spannend. Dann dachte ich auch dann: das ist doch Medizin. Es war nie so, dass ich als Kind schon gesagt habe, ich will Arzt werden. Wie auch? Ich kam aus einer Arbeiterfamilie oder komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich bin der Erste in der Familie, der studiert hat und wahrscheinlich auch der Einzige. Das ist gereift, das war ein Prozess. Aber meine sexuelle Orientierung, nein.
Wie bist du denn in deinem Berufsleben mit der Sexualität umgegangen? Welche Erfahrungen hast du diesbezüglich gemacht? Also die Verbindung zwischen deines Berufs und der Sexualität.

Naja insofern schon, dass ich im Rahmen des Studiums damals einen Studentenjob gesucht hab. Und was lag näher für einen jungen schwulen Studenten, als in der Siegessäule mal zu blättern, was es so für Stellenanzeigen gibt. In dem Zusammenhang bin ich halt auch eine HIV-Schwerpunkt-Praxis gestoßen und hab mich da beworben. Ja, ich habe immer bezüglich HIV war ich immer vorsichtig, weil ich immer Schiss hatte. Aber ich hab mich damit nie wirklich befasst. Und dann habe ich mich da beworben und bin da Studien, Study-nurse quasi geworden und dann ging so die Laufbahn HIV, Thema HIV, Thema Geschlechtskrankheiten, Thema Homosexualität und dann wurde das deutlich präsenter für mich, und da bin ich dann auch hängengeblieben. Ich glaube, das würde ich jetzt mit meiner Sexualität so kombinieren, dass ich mich auf den Schwerpunkt HIV und Geschlechtskrankheiten und Schule Gesundheit so gestürzt habe.

Bist du selbst im Umgang mit Mitarbeitern immer offen homosexuell gewesen? Warst du offen offen geoutet, oder ist es erst später passiert?

Das ist ja im Studium immer schwierig. Also im Studentenkreis hab ich nie ein Geheimnis daraus gemacht, und das war auch nie. Das war immer akzeptiert. Ich wurde nie während des Studiums von irgendwelchen Kommilitonen gedisst oder gemobbt, weil ich schwul wäre. Und da ich ja tausend Praktika machen musste in dem Studium und immer in verschiedenen Kliniken, immer auf verschiedenen Stationen, da gab es halt immer Zeiten, wo ich halt nicht reinmarschiert bin und gesagt habe: Ey Ich bin der Kevin und ich bin schwul, sondern: ich bin der Kevin und bin Medizinstudent. Und dann erst mal gucken, was da passiert, wenn mich jemand gefragt hat: Hast eine Freundin? Dann hab ich gesagt: Nö. So und wenn man sich dann, wenn man sich da so eingelebt hatte in die Station und oft ich … meist war ich ja nie der einzige Schwule auf Station. Pfleger sind gerne mal schwul, aber immer irgendwie einer dabei. Und das Radar hat ja irgendwie funktioniert, das man wusste, man ist da eine Wellenlänge. Und da war das immer relativ schnell klar. Nie irgendwelche never, nirgends, irgendwelche schlechten Erfahrungen gemacht. Ich war immer, immer … Das kann ich wirklich behaupten. Es war immer eine schöne Atmosphäre. Ich war immer beliebt. Ich merke das auch heute noch, wenn ich in manche Kliniken zurückkehre oder da mal anrufe. Die können sich teilweise noch an mich erinnern, obwohl das irgendwie 10 Jahre zurückliegt und freuen sich von mir zu hören. Also kann ich echt kein Hehl daraus machen, und ich habe es nicht versteckt.

Da gab es also keinen großen Veränderungen. Von Beginn an, bis heute hast du immer in einem offenen Umfeld arbeiten können?

Ich habe immer … das kann ich wirklich sagen. Ich habe immer im Umkreis gab, wo ich nie mit Homophobie oder irgendwas in dieser Richtung konfrontiert war. In meinem Freundes und Umgebungskreise oder beim Arbeitsumfeld hatte ich wirklich nie. Ich bin aber in meinen jüngeren Jahren bin ich defensiver damit umgegangen. Weißt du? Ich habe es halt immer so kommen lassen, und wenn dann jemand gefragt hat, habe ich geantwortet. Heute würde ich direkt sagen Ja, ich bin schwul und ist das irgendein Problem? Also, ich würde heute viel offensiver damit umgehen, weil ich einfach denke, dass es rechtfertigt sich keiner dafür, dass er hetero ist. Also muss ich mich auch nicht dafür rechtfertigen, dass ich mit einem Mann zusammenleben. So bin ich bisher immer immer gut gefahren. Wenn es einem nicht gefällt oder wenn zum Beispiel jemand in die Praxis kommt, dem es es nicht gefällt, dass ich schwul bin, dann bitte, da ist die Tür, ich zwinge niemanden vor mir zu sitzen… Die können alle gehen.
Wie würdest du die medizinische Aufklärung oder die Gesundheitsversorgung für LGBTQI* Menschen in Deutschland bewerten? Wo siehst du da gegebenenfalls sogar Probleme? Bestehen Stigmatisierungen gegenüber homosexuellen Patienten sprechen oder existieren Barrieren im Gesundheitswesen existieren für homosexuelle Menschen.

Ich glaube, das muss man sehr differiert betrachten. Also zum einen selektiert sich das raus, wo ein Patient hingeht und wo er Vertrauen fasst und mit wem er über was spricht. Das würde ich jetzt mal für die Großstadt sagen. In Berlin geht der schwule Mann in der Regel in eine Schwerpunkt Praxis oder zu einem schwulen Arzt oder zu einem homophilen Arzt. Daher finde ich das in der Großstadt kein großes Problem. Das ändert sich, glaube ich, in den Vororten und oft in den Kleinstädten und in der ländlichen Region, weil da die Leute nicht so viel Auswahl haben. Da müssen sie nehmen, was da ist. Es sei denn, sie sind mobil und fahren in die nächstgrößere Stadt, wo es irgendeinen Schwerpunkt Praxis gibt. Und ich glaube, da sind die Stigmatisierungen relativ groß. Also ich kenne das von einem Freund sagen. Der lag einmal in der Nähe unseres Heimatortes im Krankenhaus mit einer Nebenhoden-Entzündung und da haben Sie ihn gefragt, ob er schwul ist und da hat er gesagt: Ja. Und dazu haben sie dann gesagt: ja, dann machen wir auch gleich einen HIV-Test. Also natürlich, das war legitim. Eine Nebenräumen Entzündung bei einem jungen Mann sollte man ein HIV-Test machen, ja. Und er war dann leider auch positiv. Aber die hatten schon recht, die hatten den richtigen Riecher, aber dieses kommuniziert haben. Genau das wird ja, glaub ich, das passiert auch in Berlin. Ich erlebe das oft mit meinen HIV-Patienten, dass die z.B. beim Zahnarzt oder beim Hautarzt, wo was operiert werden soll, dass die, die rausgeschmissen haben, weil die halt positiv waren und die nicht behandeln wollten.

Geschieht das heute noch?

Jetzt weniger, aber vor drei, vier, fünf Jahren habe ich das schon noch erlebt, und da saßen die Patienten teilweise heulend vor mir, aber da kenn ich dann nichts, da nehme ich den Telefonhörer und rufe in der Praxis an. Da leiste ich dann auch, soweit ich kann, Aufklärungsarbeit und sage: Mein HIV-Patient ist für euch überhaupt kein Problem. Das betrifft aber mehr HIV Patienten als LGBT-Patienten. Das ich jetzt erlebe, dass schwule Patienten in anderen Praxen diskriminiert werden, das erlebe ich, habe ich eher nicht erlebt, muss ich sagen. Aber das kann ich mir gut vorstellen in ländlichen Regionen oder so, hier in Marzahn oder Neukölln ist ja auch so ein bisschen schwierig, durch den kulturellen Hintergrund. Das wird es sicherlich geben.
Genau. In Berlin sind wir natürlich privilegiert. Das Phänomen lässt sich spannenderweise auch ganz deutlich in anderen Ländern erkennen.

Ich glaube, ich glaube, selbst in Istanbul hast du nicht so viel wie Probleme wie in anderen Teilen der Türkei. Ich glaub Istanbul ist eigentlich viel weltoffener und toleranter, als wir alle denken und ist gar nicht so, dass klassische Türken-Bild. Obwohl ich nie da war. Das ist das, was ich aus Geschichte höre. Aber ich glaube, das ist nicht so, wie wenn ich in Neukölln in der schlimmsten Ecke unterwegs bin. Ich glaube auch in Moskau, Sankt Petersburg, das ist ja auch noch irgendwie eine ganz andere Welt als Rest Russland.

Ich kann mir vorstellen, dass aus der russischen Perspektive sehr spannend sein könnte zu hören, dass man auch noch in vielen Teilen Deutschlands Probleme im Gesundheitssystem mit Stigmatisierungen hat.

Nein. Ich glaube, das ist wirklich das Bild, das von uns eingefärbt ist, weil wir halt in der Großstadt leben. Für uns ist das ja alles ganz normal. Wir sehen händchenhaltende Männer, händchenhaltenden Frauen oder wir sehen trans-ident Menschen. Ich meine, das ist für uns alles kein Problem, für uns jetzt, für uns, beide auch. Aber wenn jetzt eine Transperson vor mir sitzt, bin ich auch immer so verunsichert. Wie rede ich denn jetzt die Person an? Auf einem Schild oder auf dem Computer steht ein männlicher Name und vor sitzt aber eine Frau, im Ausweis steht immer noch ein männlicher Name. Und diese Menschen sind ja auch schnell, berechtigterweise, auch schnell gekränkt, wenn man sie falsch anspricht, weil sie halt viel Stigmatisierung und Ablehnung erfahren haben. Aber ich habe da inzwischen für mich den Weg gefunden, dass ich es direkt anspreche, das ich sage: naja ich sehe den männlichen Namen und vor mir sitzt aber aus meiner Sicht eine Frau. Wie möchten Sie denn angesprochen werden? Oder was ist der Plan? Was passiert wo, in welcher Phase der Behandlung, Umwandlungen wie auch immer, ohne Angleichung, Umwandlung, weil man ja gar nicht mehr sagen. Angleichung … befinden wir uns. Ich frage das ganz offen und damit fahre ich eigentlich ganz gut.Obwohl ich da auch immer unsicher bin. Und wenn ich als jemand, der da null Berührungsängste hat und sich damit auseinandersetzt und das auch völlig okay findet, weil es gehört einfach zum menschlichen Leben dazu. Wenn ich da schon unsicher bin, wie soll sich da jemand fühlen, der sich nicht damit beschäftigt oder für den das total fremd ist, dass da plötzlich eine Frau mit Penis vor ihm steht oder ein Mann mit Brüsten? Das ist, glaube ich, für viele Menschen einfach intellektuell und auch vom Verständnis nicht greifbar. Und deswegen ist es ihr fremd. Es macht Unsicherheit, Unsicherheit macht Angst und Angst macht Hass. Und dann hast du diese Spirale, die ich ganz schlimm finde. Und da muss man dagegen arbeiten und deswegen immer wieder argumentieren, sagen: dich beurteilt auch keiner nach deinem Verhalten., dir sagt auch keiner, du darfst jetzt nicht Hartz IV sein und du darfst jetzt nicht rauchen, und du darfst jetzt nicht saufen, das gehört halt zu jeder Persönlichkeit dazu.
Genau das ist eine spannende Sache. Du hast erzählt, dass du auch Transpatientinnen und Transpatienten hast...

Wenig, wenig.

Ich weiß nicht, inwiefern ihr über persönliche Probleme sprecht, darunter zum Beispiel Transphobie. Wenn schon, würdest du sagen, Sie schildern ganz andere Probleme, die Sie im Alltag erleben, zum Beispiel im Gesundheitswesen?

Also … schildern sie nicht. Ich habe einfach viel zu wenig Berührung. Wenn ich sage wenig … Im Moment habe ich einen Transpatienten. Und kennen, tue ich drei. Also das ist wirklich sehr sehr wenig. Da gibt es andere spezialisierte Praxen in Berlin, wo ich dann auch hin schicke, wenn es zum Bespiel um Hormonbehandlung geht, weil ich mich einfach viel zu wenig auskenne. Da möchte ich nichts falsch machen und deswegen lieber dann zum Profi. Aber wenn die hausärztlich bei mir sind und eine normale Behandlung wollen, dann ist jeder Mensch bei mir herzlich willkommen. Und deswegen dürfen die auch zu mir kommen. Aber mit der Patientin, die ich jetzt betreue, bin ich noch nicht soweit, dass wir irgendwie darüber geredet haben, ob sie irgendwie im sozialen Umfeld da Probleme mit hat. Die wirkt aber sehr selbstbewusst in ihrem weiblichen Auftreten, muss man auch sagen. Aber ich kann mir ganz gut vorstellen, und ich glaube, das ist harte Realität, dass die Leute ganz viel Stigmatisierung und Diskriminierung erfahren.

Sehr interessant. Du hast vorhin erzählt, dass du selbst nur sehr wenig bis kaum Diskriminierung erlebt hast. Ich würde trotzdem gerne nochmal anhand einiger konkreter Beispiele nachfragen, ob du dich vielleicht in deinem privaten Leben aufgrund deiner Sexualität seitens des Staates diskriminiert gefühlt hast, zum Beispiel durch Gesetzesregelungen der Eheschließung oder der Adoptionsrechte?

Eheschließung, auf jeden Fall. Als Andy und ich geheiratet habe, durften wir noch nicht heiraten. Wir haben uns ja nur verpartnert. Und wenn da im Standesamt gesagt wird, Lebenspartner 1 und Lebenspartner 2 … das finde ich schon, das fand ich schon … Also ich konnte damit umgehen, weil ich wusste, dass es so sein wird. Aber das fand ich schon blöd, weil wir haben für uns… emotional haben wir geheiratet, Punkt. Und diese Hürden, dass man da nur einen Buch der Partnerschaft kriegt und kein Buch der Familie. Und diese Kleinigkeiten, die fand ich schon diskriminierend. Das wurde ja jetzt,Gott sei Dank, angeglichen und das Adoptionsrecht das gleiche, obwohl ich im Moment für mich da nie Gebrauch machen würde, weil ich einfach aus meiner Sicht in meinen Lebensstil nicht passt, jetzt ein Kind zu adoptieren. Aber die Chance zu haben, es zu dürfen, das finde ich schon eine Diskriminierung und völlig inadäquat, weil ich mir so angucke, wie manche Kinder aufwachsen,denen würde ich lieber zwei Väter oder zwei Mütter wünschen als einen Suff-Vater und eine Drogen-Mutter, so, um das jetzt mal ganz hart zu formulieren. Sicherlich können die auch ihr Leben wieder in Griff kriegen, und das Kind geht gut erziehen, aber was man so manchmal anguckt, ist schon harter Tobak. Oder Blutspenden, man darf nicht Blut spenden, das ist ja absolut absurd. Natürlich das ist begründet aus den 80ern mit der HIV-Epidemie, keine Frage. Aber HIV ist ja heute nicht mehr das, was es mal war. Und die Leute schützen sich ja auch. Man nimmt beispielsweise heute PREP. Die Infektionsszahlen sind gering und zu sagen, ein Schwuler darf 12 Monate keinen Sex haben, um Blut spenden zu dürfen als Regel… Ja, vielen Dank für die ganzen Heten, die in Puffs und Swingerclubs und sonst wo rumspringen oder jeden Tag eine andere, dank Tinder aufreisen. Deren Risiko schätze ich … Es ist wesentlich geringer, weil die HIV-Durchseuchung in der heterosexuellen Welt nicht so groß ist, wie in der schwulen Welt. Aber die haben natürlich auch ein Risiko für irgendwelche Hepatitiden oder Geschlechtskrankheiten. Das finde ich auch ziemlich diskriminierend.

Absolut verständlich. Was waren denn für dich gesellschaftliche Meilensteine in deiner persönlichen Entwicklung bezüglich der sexuellen Orientierung. Was ist in den letzten Jahrzehnten der gesellschaftlichen Entwicklung so ein großes Ding, wo du sagst: Ja, jetzt ändert sich die Gesellschaft wirklich in die bessere Richtung.

Da gibts eigentlich … Also Paragraf 175 habe ich nicht mitgekriegt, da war ich Kind. Deswegen ist es für mich im Kopf keine Bedeutung, da freue ich mich immer für die, die das. Betroffen hat. Ansonsten eigentlich nur 2000-, ich weiß nicht, war es vier oder sechs mit der Lebenspartnerschaft. Das war schon ein Meilenstein. Da war es für mich noch kein Thema. Und dann 2017 die Eheöffnung. Das fand ich von der Mutti auch gut, dass sie da quasi ihren Trumpf gespielt hat, dass sie sich nicht klar bekannt hat, aber doch durchgewunken hat. Das war schon eine gute Sache.
Hat der gesellschaftliche Wandel gegenüber Homosexualität persönliche Auswirkungen für dich bzw. dem Umgang mit dir sowohl im Privats- als auch im Berufsleben im Bezug auf deine sexuelle Orientierung gehabt?

Ich glaube, dass die Frage kann ich nicht gut beantworten, weil ich nie, weil ich nie mit Abneigung und Stigmatisierung leben musste. In meinem sozialen Umfeld hat sich nichts gewandelt. Weil für die war das schon immer: Liebe ist Liebe, und Mensch ist Mensch. Sowohl in meinem privaten als auch in meinem beruflichen Umfeld, das war nie ein Thema. Jeder darf machen, was er will, war immer standard. Deswegen hat sich für mich nicht wirklich was verändert. Ich glaube, wenn ich in einem anderen Umfeld großgeworden wäre, dann wären die Schritte schon bedeutsamer gewesen. Aber für mich war das ein fließender Prozess.

Verständlich. Was glaubst du, wie konkret, trägst du als Arzt zur gesellschaftlichen Gleichbehandlung von LGBTQI* Menschen in Deutschland bei?

(Gelächter) Natürlich ich bin der Held auf dem Gebiet. Nein, ich vertrete ganz klar die Meinung, jeder Mensch hat ein lebenswertes Leben, und zwar jeder gleich. Und jeder wird auch gleich behandelt, egal mit welchen Problemen oder welcher Sexualität, Religion, Farbe, was auch immer ist da alles für unterschiedliche … für Vielfalt gibt. Es ja einfach nur eine Vielfalt, was uns auch auszeichnet. Das spielt für mich einfach keine Rolle. Ich sehe vor mir einen Menschen, der Hilfe braucht. Und die kriegt er. Wenn ich aber merke, dass ein Mensch Grenzen überschreitet und Freiheit anderer einschränkt, dann sage ich was. Da nutze ich meine Stellung als Arzt und als bisschen Autoritätsperson und versuche, da zu intervenieren. Als Beispiel nicht für LGBT, aber ich habe einen älteren schwulen Mann, der ein Problem mit unseren Junkies in der Praxis hat. Da intervenier ich, weil seine Freiheit hört da auf, wo er die Freiheit der anderen einschränkt. Punkt. Der muss ja nicht mit denen kuscheln. Er muss ja auch nicht mit denen auf dem Schoß sitzen. Aber er hat sie zu akzeptieren, als Patient und vor allem als Mensch, der da bei mir in der Praxis Hilfe sucht. Und da greife ich ganz stark ein. Da sage ich auf jeden Fall und sage, wenn das hier ihnen nicht gefällt, dann müssen Sie sich eine Praxis suchen, wo das nicht so ist. Das setz eine ganz klare Kante, und ich bin auch ganz klar in der Definition, was ich zulasse in meinen Räumen. Das ist mein Reich, das habe ich mir gebaut und was ich nicht zulasse.

Kommt es oft vor, dass sich Patienten bei dir in der Praxis über das „Anders-Sein" Patienten beschweren?

Nein. Und das meine ich auch … Das sind Patientin, das selektiert sich. Patienten, die zu mir gehen, die würden zu anderen Ärzten garantiert nie gehen. Und welche, die zu manch anderen, würden nie zu mir kommen, weil bei mir von der Art einfach zu unterschiedlich sind und auch vom Umfeld, von dem Klientel, das selektiert sich wirklich raus. Das ist ganz erstaunlich. Ich habe das früher nie geglaubt, aber in der alten Praxis noch, da war eine bestimmte Klientel an Patienten, da wusste ich genau, die gehen zu der einen Kollegin und zu keinem anderen. Das war ganz klar, das sind Patienten von der. Schon vom Sehen hast du gewusst, die gehen zu der. Und ich glaube, so selektiert es sich auch bei uns raus. Von daher tritt sowas auf, keine Frage, aber die kommen dann nie wieder, deswegen hast du dieses Problem nicht bestehen.

Sehr spannend. Okay, dann sind wir auch schon fast am Ende. Ich hab nur noch eine Frage und das ist in der Regel meine Lieblingsfrage: Hast du, im Hinblick auf deine persönliche Lebensgeschichte, Tipps für queere Jugendliche in Deutschland?

Das Problem ist ja, dass ich schon ziemlich alt bin, was das schwule Leben angeht. Und die Zeit als ich mich zu meiner Homosexualität bekennen musste, eine ganz andere war, da sind 20 Jahre vergangen. Damals gab es kaum Handys, so ein Facetime-Gespräch, wie wir es führen, um Gottes Willen, also Videotelefonie, das kannte ich gar nicht. Heutzutage kannst du dir schweinische Sachen über so ein Handy hin- und herschicken. Also die Zugänge zu Kommunikation und zu Sexualität, die sind ganz anders geworden. Ich meine, früher gab es kein Internet mit irgendwelchen Pornoseiten, das finden die Jugendlichen heute mit 14. So und deswegen hat sich so viel gewandelt. Hier in Deutschland ist in Großstädten kein Problem mehr zu sagen: hey, ich bin schwul oder ich bin lesbisch. Ne, selbst aus der Familie … die wohnen auf dem Land und das Mädel ist jetzt 15 und sagt: ne ich bin aber jetzt ein Junge! Und das ist … Dafür, dass es eine ländliche Region ist, in ihrem Freundeskreis, soweit ich das mitbekomme, gar kein Problem. Also ich glaube die Generation, die jetzt in der Pubertät oder um die 18, 19 ist, die betrachten das gar nicht mehr so sehr als Problem, wie wir es vielleicht gesehen haben oder wie es vielleicht die noch ältere Generation sieht, hier in Deutschland und in bestimmten Regionen. Im dunkelbraunen Sachsen ist das auch nochmal was anderes. Aber ansonsten kann ich jedem eigentlich nur sagen, es macht Sinn authentisch zu sein, es macht einfach überhaupt keinen Sinn sich zu belügen, weil man unglücklich damit ist, also weil man dann sein Leben einfach nicht so leben kann und man nie Genugtuung erfahren wird, weil man immer etwas verstecken muss, immer sich irgendwie verstellen muss. Es macht Sinn mit Familienangehörigen, mit vertrauten Personen da drüber zu reden und zu wissen, dass man da eine gewisse Basis hat. Das geht, glaube ich, nicht immer, aber irgendeine Vertrauensperson gibt es im Umfeld, sonst gehts nicht. Und für ganz verzweifelte Leute, die es natürlich geben wird in der Jugend, weil man einfach noch selber mit sich nicht im Reinen ist.
Weißt du, was schlimmer ist? Viel problematischer ist es bei Trans-ident-Menschen, den bei denen gibt es einen noch viel stärkeren Konflikt mit sich selber. Da kann ich eigentlich nur sagen, es gibt immer einen Ausweg über Angebote, Jugendgruppen, was auch immer. Aber nie ist der Suizid der Ausweg. Nie. Und da müssen wir die Jugend dazu ermutigen zu sich selber zu stehen, das zu kommunizieren und auch wenn es Rückschläge gibt immer: Aufstehen, Krone richten, weitergehen …

Lieben Dank dir, das ist ein einfacher und schöner Schlusssatz. Das Thema Suizid ist ein sehr schreckliches, aber auch wichtiges Thema. Leider ist das in Russland ein großes Problem unter LGBTQI* Jugendlichen, insbesondere bei Transjugendlichen.

Ja, das macht Sinn, dass das noch ein größeres Thema ist. Wir kriegen hier ja nur das mit, was in den Medien präsentiert wird. Wie die Realität in Russland aussieht, das weiß ich ja gar nicht. Aber, wenn es wirklich so ist, was ich vermittelt kriege und diese Propagandagesetze … und wenn man sieht wie diese Menschen auf Straßendemos misshandelt werden, dann kann ich mir schon sehr vorstellen, dass man sich da sehr schlecht und als Unmensch fühlt, wenn man jetzt plötzlich spürt, da ist etwas anders in mir. Und wenn du dann auch noch von der Familie, wie in Tschetschenien, wenn das alles so stimmt mit der Verfolgung… Wenn du dann in so einer Familie aufwächst, wo du weißt, du wirst von der Familie getötet, wenn du es sagst. Naja dann ist in vielen Fällen der Suizid für viele Menschen die Einzuge Lösung. Aber das ist sie halt nicht. Aus meiner Sicht. Natürlich kann ich die Menschen verstehen, aber ich glaube, es gibt trotzdem immer einen anderen Weg.

Verstehe ich. Danke dir. Wir sind am Ende angelangt. Ich werde an dieser Stelle die Aufnahme stoppen.


Alexander Charkov wurde interviewt
September 2020