Sociohistorical project
Aleksei aus Russland
LGBT in Russland. Pseudoleben im Zygotenzustand
Aleksei Nazarov, Sankt Petersburg
42 Jahre alt
Ich heiße Aleksei Nazarov. Ich lebe in Sankt Petersburg, ich bin 42 Jahre alt.

Erinnerst du dich an die UdSSR? Wie alt warst du, als sie sich auflöste?

Ich bin im März 1978 geboren. Ich ging in eine sowjetischen Schule und erinnere mich gut an das sowjetische Leben und die Menschen. Ich lebte in zwei Städten: Ich wurde in Woronesch geboren und lebte dort, besuchte aber oft Moskau. Ich kann das Moskauer und das Provinzleben der Sowjetunion miteinander vergleichen. Als die UdSSR 1991 zusammenbrach, war ich 13 Jahre alt.

Welche Erinnerungen hast du an die Sowjetzeit?

Ich habe eine klare und anhaltende Erinnerung zur Sowjetzeit - das Reich der Lügen. Alles dreht sich ausschließlich um Lügen und Täuschung. Die Leute sagen eine Sache und tun eine völlig andere. Und dieses Modell ist bis heute erhalten geblieben, dass Sie nicht das tun, was Sie denken.

Wer waren deine Eltern?

Mama ist eine Hundezüchterin. Sie ist eine herrische Frau. In der Sowjetzeit war mein Vater ein Notfallsanitäter in einem Krankenwagen. Er ist 13 Jahre älter als meine Mutter.

Wie alt warst du, als du merktest, dass du LGBT bist?

Ich hatte noch nie einen solchen Moment in meinem Leben. Im Alter von sechs Jahren hatte ich körperlichen sexuellen Kontakt mit Gleichaltrigen. Im Zentrum von Woronesch stiegen wir an einen abgelegenen Ort, an dem wir so taten, als hätten wir Geschlechtsverkehr, wie Mann und Frau. Ich erinnere mich genau, wie es war, wie unsere kleinen Penisse standen. Seit ich 6 Jahre alt war, wusste ich sehr gut, dass ich Jungs mochte. In der Schule habe ich immer nur Jungen angeschaut. Ich empfand nie Kummer, dass ich schwul war oder dass ich mich zu Jungen hingezogen fühlte. Ich hatte keinen Moment… Wie einige Leute, die in der Pubertät feststellen, dass sie keine Mädchen mögen und stattdessen Jungs und sagen: „Oh! Wie soll ich weiterleben?" Oder jemand merkt es noch später ... das hatte ich nicht. Ich wusste immer, dass ich Jungs mochte. Ich erinnere mich, dass ich in der 10. Klasse einen Jungen namens Mischa wirklich mochte. Ich schrieb ihm einmal ein Liebesgedicht, rief ihn abends per Telefon an und las es ihm vor, ich stand zu meinen Gefühlen…

Verstehe ich also richtig, dass Sie nicht besorgt waren, dass Sie sich von anderen Kindern unterscheiden und dass dies irgendwie als negatives Merkmal wahrgenommen werden kann?

Ich hatte andere Dinge, die mir Angst machten. Ich hatte Höhenangst. Als Kind hatte ich Angst vor der Dunkelheit. Ich habe niemandem gesagt, dass ich Jungs mag, aber war dennoch ziemlich ziemlich offen. Ich ähnle sehr meiner Mutter, ich habe so einen Führungscharakter.

Es gab also nie ein Gefühl von Abnormalität, dass Sie sich irgendwie von anderen Menschen unterschieden?

Nein, das hatte ich noch nie.
"Ich bin fast 7 Jahre hier. Schon damals war ich mir meiner Anziehungskraft auf Jungen bewusst". Woronesch (UdSSR). Januar, 1985.
Was waren deine Vorstellungen von deinem weiteren Leben?

Ich wollte immer mit einem Mann zusammenleben, den ich lieben und der mich lieben würde. Ich dachte, wir würden offen in St. Petersburg arbeiten und leben können. Übrigens, vor 12 Jahren, als ich 30 war, habe ich mir meinen Traum erfüllt - ich bin nach St. Petersburg gezogen.

Das heißt, sie hatten nie solche traditionelle Pläne wie das Heiraten ...

Ich hatte nie die Idee, eine Frau als Deckung zu verwenden. Die Illusion einer Familie für jemanden zu schaffen, ist überhaupt nicht meine Option.

Und hatten Sie als Kind Vorstellungen hinsichtlich einer traditionellen Familie? Also, dass Sie erwachsen sein werden und dieses und jenes haben werden?

Ich hatte nie den Wunsch, eine heterosexuelle Familie zu haben. Ich wollte schon immer einen Freund haben.

In welchem Alter haben Sie Ihren Freunden und Ihrer Familie von sich erzählt?

Ich habe es meiner Mutter und Großmutter nicht erzählt. Aber aufgrund der Tatsache, dass ich als Student eine langfristige Beziehung zu einem jungen Mann hatte, denke ich, dass meine Familie alles ganz genau weiß und versteht. Ich hatte kein Coming-Out vor ihnen. Obwohl sie im Internet leicht Informationen über mich finden könnten, in den Medien.

Als ich 1997 zum ersten Mal von mir (und meiner sexuellen Orientierung) erzählte, war ich 19 Jahre alt. Es war an der Universität vor Kommilitonen. Ich hatte generell Glück, ich habe in Woronesch nie wirklich eine besondere Homophobie und Belästigung erlebt. In der Schule passierten natürlich verschiedene Dinge, einige Leute schrien, aber ich ignorierte es.

War es im Allgemeinen schwierig, unter diesen Bedingungen ein Coming-out zu machen?

Meine Jugend- und Studententage waren in den 90er Jahren, der Ära der Freiheit und der Demokratie. Damals sprach man über LGBT-Menschen. Obwohl es den begriff "LGBT" noch nicht gab. Man sagte "thematisch", "blau", "pink". Ich abonnierte eine Zeitung namens "Dvoe" nach Hause, die homosexuelle Beziehungen thematisierte. Eine derartige Zeitung konnte ganz einfach per Post zugestellt werden. Und sie warfen es in meinen Briefkasten.

Es gab noch kein Internet. Ich habe Leute und Datingpartner durch die Zeitungen getroffen. Die Leute haben Benachrichtigungen in die Zeitung gestellt. Ich habe einmal eine solche Benachrichtigung mit meiner Privatadresse platziert. Und ich war so überrascht, als ich die Tür öffnete und vor meiner Haustür ein so süßer Junge stand und sagte: "Ich bin gekommen, um Alexey zu treffen." Ich war verwirrt und sagte: "Mein Bruder ist spazieren" und schloss die Tür. Ich habe seitdem meine Privatadresse nicht mehr ausgegeben. Normalerweise verwendete man Postfächer in der Post oder man schrieb sich Briefe auf Anfrage.

Es war eine Ära der Freiheit. Ich empfand ein Gefühl der Freiheit und Würde und ich hatte das Gefühl, dass wir ein neues Russland aufbauen und im Russland der Zukunft leben würden. Ich habe versucht, offen und ehrlich zu sein.
"Ich habe davon geträumt, in St. Petersburg zu Leben, seit ich 1989 zum ersten mal in diese Stadt gekommen bin. Mit 30 Jahren habe ich meinen Kindheitstraum wahr werden lassen."St. Petersburg (Russland). Juli 2001.
Dennoch, wie haben Leute darauf reagiert, wenn man das Thema der sexuellen Orientierungen aufwarf?

Mein Freund Anton machte auch kein Geheimnis aus sich selbst an der Universität oder anderswo. Und er sagte es seiner Mutter. Es war schrecklich: Sie protestierte und schrie. Er lebt schon lange mit seinem Partner in einer anderen Stadt, aber seine Mutter akzeptiert es immer noch nicht. Andere Leute, die ich kannte, haben sich nie geoutet. Es war also beängstigend es wirklich zu erzählen. Einige haben sich verstellt, andere haben sich mit Beziehungen mit Frauen „gedeckt" gehalten.

Haben Sie mal erlebt, dass sich Ihre Beziehung zu einer Person verändert hat, nachdem sie von Ihrer Orientierung erfahren hat?

Ich kenne niemanden, der sich von mir abgewendet hat.

Wie waren die Reaktionen? Oder wussten die meisten Ihrer Freunde bereits vorher davon?

Die meisten Leute, denen ich mitteilte, dass ich schul bin, meinten: "Oh, du hast es endlich gesagt. Wir wussten es bereits und wir warteten alle darauf, dass du es uns endlich sagst."

Mein jüngerer Bruder und seine Frau sind die einzigen, die es aus meiner Familie wissen.

Wie offen sind Sie im Allgemeinen?

Momentan leider nicht sehr.

Was ist der Grund?

Ich bin ein LGBT-Aktivist und brauche etwas Privatsphäre, um die Sicherheit zu gewährleisten. Ich erhalte jetzt regelmäßig Drohungen und muss vorsichtiger sein. Ich mache mir zum Beispiel Sorgen, dass mein Freund Schwierigkeiten haben könnte. Anstatt ein paar gemeinsame Fotos in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, poste ich sehr wenig und selten und jedes Mal frage ich um Erlaubnis, damit es ihn nicht gefährdet.

Jedes Mal muss man nicht nur an sich selbst denken, sondern auch, wie sich dies auf deine geliebten Menschen auswirken kann. Es vergiftet das Leben. Das ist die Wahrheit des heutigen Lebens in Russland.

Hat sich Ihre Offenheit im Vergleich zu den 90ern, 2000ern und nun 2010ern verändert? Bist du mehr oder weniger offen geworden?

Ich bin in den letzten Jahren verschlossener geworden.

Ich erinnere mich, wie ich 2013 aus der U-Bahn im Zentrum von St. Petersburg ausgestiegen bin und zum ersten Mal in meinem Leben „Schwuchtel" hörte, was an mich gerichtet war. Ich war sehr überrascht, dass ich dieses Wort mitten in der Stadt hörte. Und ich wusste, dass es nur wegen der Farbe meiner Haare an mich gerichtet war (ich hatte blond gefärbte Haare).

Als Aktivist bin ich so offen wie möglich und sage immer, dass ich schwul bin, gebe Interviews, mache Videos. Ich bin offen schwul in der Öffentlichkeit. Obwohl mich das Wort "schwul" nervt, weil es nur eines der vielen Facetten von mir als Person darstellt. Aber damit andere Menschen sehen können, dass es wirklich offene schwule Menschen gibt, muss ich eine derartige Selbstidentifikation in den Vordergrund stellen. Aber ich musste in meinen persönlichen Beziehungen privater werden. Da geht es um Sicherheit für mich und meinen Partner.
Ich hatte das Glück, viele Städte in Russland zu besuchen und mit LGBT-Menschen aus verschiedenen Regionen mit dem Bildungsprojekt "Azbuka Activisma"zu kommunizieren."In Samara (Russland). März 2020.
Wo haben Sie studiert oder gearbeitet?

Ich habe an der juristischen Fakultät studiert. Aber ich habe nie in dem Fachbereich gearbeitet, weil ich immer von etwas Kreativerem angezogen wurde. Als ich in Woronesch lebte und in einem Buchladen arbeitete, war ich freiberuflicher Radiomoderator für öffentliche Programme bei Radio Russland. Mit 30 Jahren zog ich nach St. Petersburg und stieg in das Kino ein, wo ich in einer Regiegruppe arbeitete. Jetzt arbeite ich als Videofilmer, drehe Berichte und Geschichten für die Medien, bearbeite Videos.

Haben Sie jemals Diskriminierung aufgrund Ihrer Orientierung im Studium oder auf Ihrer Arbeit erfahren?

In Woronesch wurde ich nicht viel diskriminiert. Und in St. Petersburg wurde mir seit 2015, als ich mich offen als Aktivist und Schwuler outete, gerade wegen meiner Tätigkeit und Öffentlichkeitsarbeit ein Job verweigert. Wenn ich geschwiegen hätte, den Kopf gesenkt hätte und nicht zu Prides Marches gegangen wäre, hätte ich vielleicht weiter gearbeitet und gutes Geld in der Filmindustrie verdient.

Die Maschinerie der staatlichen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit wurde nach der Verabschiedung des Gesetzes über Homosexuellenpropaganda vor Minderjährigen im Jahr 2013 eingeführt, als die Behörden damit begannen, LGBT-Personen als Zielscheibe einzusetzen, um die Aufmerksamkeit von echten Problemen abzulenken. Dies führte zu einem Rückgang an Informationen über LGBT-Personen, und der Grad der Homophobie nahm entsprechend zu.

Wie offen waren Ihre Beziehungen zu Männern? Gab es irgendwelche Einschränkungen und wenn ja, welche?

Die meisten Leute, mit denen ich zusammen war und mit denen ich Beziehungen hatte, waren heterosexuell. In meiner Jugend habe ich diesen Ansatz für mich selbst entwickelt: Alle Menschen sind bisexuell, es ist nur so, dass die homosexuelle Natur eines Menschen von der Gesellschaft stärker unterdrückt wird. Wenn ich einen jungen Mann mag, erzähle ich ihm dementsprechend nur von meiner Sympathie und mache darauf aufmerksam. Und ich kann bereits an seiner Reaktion erkennen, ob ich in Zukunft etwas mit dieser Person haben werde oder nicht.

Ich hatte Probleme mit schwulen Menschen, es war sehr schwierig, schwule Menschen zu treffen. Wegen meiner Offenheit, weil schwule Männer Probleme haben, sich selbst und ihre homosexuellen Beziehungen zu akzeptieren.

Wie sehr hat sich Ihr Leben nach dem Regimewechsel und dem Zusammenbruch der UdSSR verändert? Oder hatte es vielleicht keinen Auswirkungen auf Sie?

Putins Aufstieg zur Macht hat mein Leben verändert. Er brachte die Sowjetunion zurück, nur in einer perverseren Form. Ich hörte auf, mich als freier Bürger meines Landes zu fühlen.

Sie versuchen absichtlich, mich zu einer Person zweiter Klasse zu machen, dem die Gedanken- und Versammlungsfreiheit entzogen wird.
"Es ist wirklich schwierig, in einigen Städten zu Leben. Nicht nur für LGBT-Menschen. Viele meiner Freunde zogen zum Beispiel von Tscheljabinsk nach St. Petersburg."Tscheljabinsk (Russland). August 2020.
Wie waren die 90er für Sie?

Freiheit. Trotz aller Schwierigkeiten in den 90er Jahren entwickelten sich Freiheit und Demokratie.

Als Putin Anfang der 2000er Jahre begann, das Wahlsystem zu ändern, wurde klar, dass die Demokratie in unserem Land vorbei war. Das war das erste offensichtliche Zeichen.

Wie beurteilen Sie, ob sich das Leben in Woronesch und St. Petersburg seit Wladimir Putins Machtantritt verändert hat?

Das Leben der LGBT-Menschen in Woronesch änderte sich dramatisch mit der Verabschiedung des Gesetzes über Homosexuellenpropaganda. Konservative Gruppen mit religiöser Ausrichtung begannen sich zu entwickeln.

Ich bin 1999 mit meinem Freund in Woronesch spazieren gewesen und habe seine Hand gehalten. Das wird heutzutage in verschiedenen Videos gefilmt: "Schwule gehen durch Moskau und halten sich an den Händen!" Damals gingen wir ganz ohne „YouTube" händchenhaltend spazieren. Ich wollte den Kerl an die Hand nehmen, und wir gingen händchenhaltend - und niemand rief uns etwas nach. Später, als ich von St. Petersburg nach Woronesch kam, traf ich den Kerl und wollte ihn auf die Wange küssen, aber er hatte Angst: "Nein, nein, nein! Jemand kann uns bemerken!" Er hatte sogar Angst, auf die Wangen geküsst zu werden! ... Das Niveau der Angst ist hoch.

Auch in St. Petersburg gibt es jetzt keine Freiheit mehr. Es ist unmöglich, eine Gay Pride zu veranstalten und die Rechte und Freiheiten von LGBT-Menschen sind eingeschränkt. Die Regierung kultiviert Angst…

Ich habe einen Freund, der immer noch mit seinem Partner händchenhaltend in St. Petersburg durch die Stadt läuft. Und ich möchte mit meinem Partner genauso spazieren gehen. Aus dem einfachen Grund, dass es notwendig ist, dies jetzt zu tun, um für Rechte zu kämpfen und nicht auf einen besonderen Moment zu warten. Man muss sein Leben jetzt für sich selbst ändern, und dann wird es sich ändern. Man sollte nicht warten bis etwas passiert. Es wird nie einen besonderen Moment geben, wenn man sich nicht die Mühe macht, es selbst zu tun.

Verstehe ich es richtig, dass Sie - aus Sicht von LGBT-Menschen - derart wichtige Punkte hervorheben, wie den Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991, Wladimir Putins Machtübernahme und die Verabschiedung des Mizulina-Gesetzes im Jahr 2013?

Homosexuelle Beziehungen wurden im Mai 1993 nach dem Zusammenbruch der UdSSR nicht mehr kriminalisiert. In den 90er Jahren gab es sowohl für LGBT-Personen als auch für Personen, die sich für dieses Thema interessierten, eine große Menge an Literatur. In meinem Haus in Woronesch stand ein Buch im Regal von Igor Kon "Лики и маски однополой любви" [ übersetzt: Gesichter und Masken der homosexuellen Liebe]. Ich kaufte es ohne Bedenken in einem Geschäft, vollkommen ohne Einschränkungen, wie die der Altersbeschränkung (18+). Es war verfügbar. Man konnte lesen, studieren, beobachten, verstehen, wer man ist. Das Internet erschien 1997-1998 an meiner Universität. Damals besuchte ich zum ersten Mal „Gay.ru". Wenn man über Wissen verfügt … wenn man weiß, was LGBT ist, behandeln man es angemessen. Und die Ankunft Putins führte dazu, dass dieses Wissen verschwand und die Menschen zurückgeworfen wurden. Wenn es keine Wissensquelle gibt, können Menschen nicht aufgeklärt werden. Seit dem Jahr 2000 hat die Homophobie allmählich zugenommen, was in die homophoben Diskriminierungsgesetze der Jahre 2013-2014 mündete. Und dann gab es staatliche Homophobie, die bis jetzt nicht aufgehört hat und eines der Managementinstrumente der Regierung darstellt.
"Ich war in Grosny im Rahmen einer Pressetour. Und ich konnte wirklich nicht anders, als mich mit der Regenbogenfahne aufzustellen. Es ist auf dem Platz der Journalisten, nicht weit vom Pressehaus."Grosny (Tschetschenische Republik, Russland). Dezember 2019.
Was denken Sie über die aktuelle Situation von LGBT-Menschen in Russland?

Die Situation heute ist nicht die Beste. In der Verfassung wurde beispielsweise die Norm festgeschrieben, dass die Familie im Jahr 2020 eine Vereinigung zwischen Mann und Frau ist. Die Russische Föderation will auf der Ebene der Verfassung nicht anerkennen, dass es auch Vereinigungen gibt, die nicht nur zwischen Männern und Frauen stattfinden. Dies bedeutet, dass ich meinen Partner in der Russischen Föderation nicht heiraten kann.

Es gibt ein Gesetz über Homosexuellenpropaganda unter Minderjährigen, die als Zensur fungiert. Die Menschen haben Angst, etwas zu tun, weil es gelegentlich als Homopropaganda angesehen werden kann. Aber niemand weiß wirklich, was sich hinter diesem Begriff verbirgt.

Staatliche Homophobie manifestiert sich nicht nur in der Existenz dieser diskriminierenden Gesetze, sondern auch in der Tatsache, dass der Staat selbst Menschen duldet, die Hassverbrechen begehen.

Jugendliche haben Schwierigkeiten. Wenn Teenager zum Beispiel Probleme haben, können sie ihre Identität nicht mit einem Psychologen oder Lehrer besprechen, weil es ein Gesetz gegen Homopropaganda gibt. Weder ein Lehrer noch ein Psychologe kann einem Teenager sagen, dass es normal ist, schwul zu sein...

Und die Situation von LGBT-Menschen in bestimmten Regionen Russlands ist im Allgemeinen beängstigend. Die Behörden bemerken keine Morde an Homosexuellen in Tschetschenien, und niemand ist für diese Verbrechen verantwortlich.

Das Leben von LGBT-Menschen in Russland ist heute wie ein gefrorenes Leben im Zustand einer Zygote. Das ist ein Pseudoleben.

Können Sie einige Beispiele an Schwierigkeiten nennen, mit denen Sie oder Ihre Freunde in Russland leben konfrontiert waren?

Als einer der Organisatoren des St. Petersburger Gay Prides bin ich ständig Einschränkungen des verfassungsmäßigen Rechts auf Versammlungsfreiheit ausgesetzt. Die Regierung legt uns Hindernisse auf den Weg, denn wir sind angeblich „Homopropaganda" oder sonst eine andere lächerliche Zuschreibung. Tatsächlich stellt eine Pride-Demonstration ein Grundrecht auf Versammlungsfreiheit dar, das in der Verfassung verankert ist. Durch das Verbot von Prides schränkt die Regierung die Rechte der Bürger ein, auch heterosexueller Rechte.

Als Aktivist erhalte ich ständig Drohungen, Todesdrohungen und Drohungen gegen meine Lieben. Viele offene LGBT-Menschen erhalten solche Drohungen. Die Polizei reagiert nicht angemessen auf Berichte über Hassverbrechen.

Viele meiner Freunde mussten Russland verlassen, weil sie dem Druck der Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt waren oder weil sie wiederholt angegriffen wurden, was zu Gesundheitsschäden führte. Einige verließen Russland, um nicht die Möglichkeit zu verlieren, ihre Kinder großzuziehen.

Und das ist natürlich keine vollständige Liste der Probleme und Schwierigkeiten, mit denen LGBT-Menschen in Russland konfrontiert sind und mit denen sie leben müssen.
"Ich stand mit einem Plakat in der Innenstadt am Internationalen Tag der Stille. Ich werde mich nicht zu Hause verstecken."St. Petersburg (Russland). April 2018. (Die Inschrift auf dem Plakat: "Es ist gut, schwul zu sein")
Probleme treten also nicht nur bei denjenigen auf, die an einer Art politischem Aktivismus beteiligt sind, sondern auch für normale LGBT-Menschen?

Menschen, die sich für Aktivismus engagieren, haben möglicherweise sogar etwas weniger Probleme, weil sie offen und sichtbar sind. Öffentlichkeit schützt Sie in irgendeiner Weise. Und wenn man ein nicht offen lebender Schwuler ist, ist es einfacher diskriminiert zu werden. Die Verschlossenheit ist eine Geißel. Nehmen wir an, es wurde ein homophober Angriff gegen eine LGBT-Personen verübt. Wenn diese LGBT Person nicht geoutet ist, kann die Person nicht zur Polizei gehen, weil sie befürchten wird, dass die Informationen die der Polizei dann vorliegen der Arbeit, der Schule oder sonst wo weitergeleitet wird. All das vergiftet das Leben.

Was würden Sie ändern wollen hinsichtlich des gesellschaftlichen Umgangs mit LGBT-Personen? Was könnte Ihrer Meinung nach verbessert werden?

Ich würde gerne eine Veränderung der Einstellung aller russischen Bürger sehen. Ich möchte, dass Russland endlich ein wirklich demokratisches Land mit einem entwickelten Rechtssystem, einer normalen Verfassung, unabhängigen Gerichten und einer echten Freiheit für die Bürger wird. Wenn alle Bürger frei sind, wenn die Rechte aller Menschen respektiert und anerkannt werden, können LGBT-Menschen, die auch russische Staatsbürger sind, all ihre Rechte nutzen.

Im Allgemeinen sind LGBT wie ein Lackmustest. Wenn LGBT-Menschen etwas verboten wird, bedeutet dies, dass für heterosexuelle Bürger Russlands dieselben Probleme bestehen werden. Weil die Achtung der LGBT-Rechte sicherstellt, dass die Rechte aller anderen Menschen respektiert werden. Daher sollten heterosexuelle Menschen daran interessiert sein, dass die Rechte von LGBT respektiert werden.

Welchen Rat würden Sie jungen russischen LGBT-Menschen heute geben?

Lieb Dich selbst. Schätze deine Lebenszeit. Pass auf deine geliebten Menschen auf.

Für LGBT-Menschen ist es schwierig, in Russland zu leben. Viele Menschen denken darüber nach, ihr Heimatland zu verlassen. Und daran ist nichts auszusetzen. Wenn Ihre Heimat dazu drängt zu flüchten, ist es wirklich besser, sich an einem neuen Ort niederzulassen und weiterhin glücklich zu leben.

Wenn man das Gefühl hat, dass man es kann und wirklich will und zuversichtlich ist, dass man damit Erfolg haben wird, und dafür bereit ist, seine Zeit damit zu verbringen, dann kämpfen Sie für Ihre Rechte. Seid offen. Eure Offenheit ist nicht nur der Schlüssel zu eurem Erfolg, sondern hilft auch anderen LGBT-Menschen, offener zu sein und für ihre Rechte zu kämpfen. Kämpfe für die Macht, werde in gesetzgebende Institutionen gewählt, beteilige dich an Protestbewegungen und beginne mit dem Bau des Fundaments für das zukünftige Russland.

Dein Leben liegt in deinen Händen. Und nur du entscheidest, wie du damit umgehst.


Nikolay Shcherbakov wurde interviewt
Oktober 2020